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„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 1446
10.20379/dbaud-1446

Günter Grass im Gefängnis : Lesung in der JVA Tegel

Grass, Günter GND

Grass begrüßt die "Mitinhaftierten"; Grass hat bereits vor 42 Jahren auf Initiative von Helmut Ziegler in einer Haftanstalt gelesen; Zusammentreffen mit Langzeitinhaftierten, die sich viel Literaturkenntnis verschafft hatten über die Jahre; Franz Bieberkopf aus "Berlin Alexanderplatz als einer der berühmtesten Inhaftierten in der Literatur; bei der Lektüre dieses Buches erste Berührung mit Haftanstalt Tegel; Grass empfiehlt, den Literaturkreis der JVA Tegel nach Franz Bieberkopf zu benennen; "Beim Häuten der Zwiebel" als Versuch des autobiographischen Schreibens; dabei aber Misstrauen dem Erinnerungsvermögen gegenüber; Grass liest aus "Beim Häuten der Zwiebel" einen Auszug aus dem Kapitel "Er hieß Wirtunsowasnicht" (bis 28:18); Grass zu den Reaktionen der Presse nach Erscheinen seiner Bücher (Beispiel "Ein weites Feld"); "Retten" in andere berufliche Möglichkeiten, z.B. Aquarellieren (nach den Reaktionen auf "Ein weites Feld"); dabei Entstehung von 'Aquadichten' und des Bandes "Fundsachen für Nichtleser"; Grass liest Aquadichte aus "Fundsachen für Nichtleser" (ab 31:17); Applaus und Lachen zwischen den einzelnen Aquadichten: - Heiterer Morgen - Familiärer Versuch - Farbenlehre (Grass: "Etwas zum Neo-Liberalismus") - Seitdem die Mauer weg ist… - Spargelzeit - Meine alte Olivetti - Der Stein, den ich wälze… - Zur Strafe kommen Kinder… - Seitensprung - Jeden Morgen… - Überrundet - Kurze Sonntagspredigt - Vorsorglich… - Meine beweglichen Freunde… - Unter Verrätern - Meine Kritiker… - Zum Abschied… - Wegzehrung (Lesung endet bei 40:20) Grass beantwortet Fragen aus der Zuhörerschaft (Fragen oft unverständlich): - zum Kriegsende; - Warum hat Grass sich in den 60er Jahren gegen die große Koalition gewandt - warum dieses Mal nicht? Grass: Widerspruch gegen große Koalition in den 60ern vor allem aufgrund der Person Kurt Georg Kiesingers; aus heutiger Sicht habe diese Koalition aber doch einige Dinge und Gesetze in Gang gesetzt; dass Grass bereits seinerzeit in der JVA Tegel habe lesen dürfen, ist u.a. dem späteren Bundespräsidenten Gustav Heinemann zu verdanken; Parallelen zur jetzigen Situation: Schwierigkeit, in einer großen Koalition Wahlkampf zu führen; Grass möchte zunehmend ist Ostdeutschland (Uckermark) politisch aktiv werden, wo "die Fehler der Deutschen Einheit offen zutage liegen". - Wie hat Grass die Zeitspanne vom Kriegsende über Bau der Mauer bis Fall der Mauer erlebt? Grass: Steinmetz-Ausbildung in Düsseldorf; Grass könnte daher stets als Steinmetz für Grabsteine Arbeit finden, falls seine Schriftstellerei unter Verbot gestellt werden würde - "was ja in Deutschland gelegentlich passiert" (Grass); nach dieser ersten Nachkriegsphase Ausbildung bei Bildhauer und Grafiker Otto Pankok, dort Kontakt mit Roma und Sinti; viele Jahre später Stiftung zu Gunsten der Sinti und Roma, die den Otto-Pankok-Preis vergibt für Familien und Personen, die sich kulturell oder sozial für ihr Volk engagieren; Zigeuner als größte Minderheit in Europa; Zigeuner-Sprache als Geheimsprache; Stiftung versucht, Schulbildung der Sinti und Roma zu fördern. - Wann hatte Grass ersten kommerziellen Erfolg als Autor und was würde er jungen Autoren mit auf den Weg geben? Grass: mit 13 Jahren Wunsch, Künstler zu werden; mit 14 erster Romanversuch, der im Mittelalter spielt - Ergebnis: am Ende des 1. Kapitels alle Figuren tot; Schriftstellerei lernt man durch "Tun"; wichtige Voraussetzung: Lebenserfahrung; oft Schreibfertigkeit, aber keine Lebenserfahrung; Erfahrungen in Haftanstalt als "Gewinn"; "Schrifsteller leben von Beschädigungen, von Krisen"; kein "Genie-Gehabe"; andere Literatur aus anderen Ländern müsse wahrgenommen werden und Wissen darüber angeeignet werden. - Woran arbeitet Grass gegenwärtig? Grass: will dies nicht verraten, - Grass' Empfindungen beim Schreiben? Grass: beim Schreiben der "Blechtrommel" Angst, "darüber zu sterben"; bei "Katz und Maus" und "Hundejahre" Erwartungen der öffentlichen Reaktion; dies habe aber sehr nachgelassen, da Grass die Reaktionen inzwischen kenne; Schreibvorgang selbst ist seitdem das Schöneste am Schreiben für Grass: Figuren, Satzperioden etc.; zudem Einsamkeit des Schreibens; Ausdauer, mehrere Fassungen zu schreiben; nach Veröffentlichung immer "ein Ungenügen" als Ansporn zu weiterem Schreiben. - Rolle des Lektorats? Grass: hat zwei Lektoren: einen selbstgewählten seit vielen Jahren (Helmut Frielinghaus), einen Verlagslektor; zudem seine Frau Ute als erste Lektorin; sie schreibe oft mit Bleistift ein "unlogisch" neben den Text und habe damit meistens Recht; Lektor achtet auf unmotivierte Wiederholungen und "Gerüste" vorheriger Fassungen. - "Betriebsblindheit" des Schriftstellers? Grass: dafür sei ein guter Lektor da; - Grass habe sich als Inder ausgegeben? (?) Grass: ist in Indien gewesen und sei dort vielleicht für einen Inder gehalten worden; - Hat Grass vor, etwas über Tegel zu schreiben? Grass: "Dann müsste ich etwas tun, damit ich hier einsitzen darf"; man könne nur aus Erfahrung schreiben; - Wie findet Grass die Verfilmungen seiner Bücher? Grass: bei der "Blechtrommel" sei die Umsetzung sehr gelungen, die "Unkenrufe"-Verfilmung habe nicht die "Stringenz und Überzeugungskraft"; Grass habe viele Drehbuchentwürfe zur "Blechtrommel" abgelehnt, bis Schlöndorff mit einer eigenen Sicht gekommen sei; Erzählstruktur des Buches ist eine Rückblende, was für einen Film viel zu umständlich gewesen wäre; dadurch zwar Wegfall einiger "literarischer Tricks", dafür aber filmische Mittel; wichtiger Beitrag von David Bennet zur Überzeugungskraft des Films; - Kann Grass an einer Theateraufführung der JVA teilnehmen? Grass: schafft dies leider nicht, hat aber viel Lobendes gehört; - Was empfindet Grass über Danzig? Grass: schmerzlicher Verlust der Heimatstadt; langer politischer Kampf zur Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze; Grass ist stolz, dazu beigetragen zu haben zusammen mit Siegfried Lenz und Willy Brandt; seitdem sei er heimatlos, habe aber viele Orte, an denen er gerne sei; er bleibe gerne in Bewegung; - Hat Grass "einen Butt versteckt?" (?) Grass: "Butt" ist in der Gesamtausgabe versteckt; sehr wichtiges Buch für Grass, an dem er sehr lange gearbeitet habe; - Autogramme? Grass: "Ja, kann ich auch machen." Grass dankt für die Aufmerksamkeit.


Urtitel:
Günter Grass in der JVA Tegel
Anfang/Ende:
Da ich annehmen…die Teilnahme aller. (BEIFALL)
Genre/Inhalt:
Biographie
Schlagworte:

Person:
Döblin, AlfredGND; Kiesinger, Kurt-GeorgGND; Wehner, HerbertGND; Heinemann, GustavGND; Brandt, WillyGND; Steinmeier, Frank-WalterGND; Schiller, KarlGND; Pankok, OttoGND; Schlöndorff, VolkerGND; Matzerath, Oskar; Bennent, David; Lenz, SiegfriedGND; Ziegler, HelmutGND; Bieberkopf, Franz
Werke:
Hundejahre; Katz und Maus; Beim Häuten der Zwiebel; Unkenrufe; Ein weites Feld; Der Butt; Fundsachen für Nichtleser; Berlin Alexanderplatz
Sach:
Lesung; Kriegsende; Haftanstalt; Koalition; Justizvollzugsanstalt; Gefängnis
Geo:
Berlin-Tegel; Danzig; Uckermark; Bodensee; Düsseldorf; Oder-Neiße-Grenze; Indien; Warschau; Kalkutta
Zeit:
1920er Jahre; 1960er Jahre; 1960er Jahre; 1970; 1930er Jahre
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
02.07.2009
Aufnahmeort:
Berlin-Tegel, Justizvollzugsanstalt
Sprachen:
deutsch
Original:

Analog/Digital:
reformatted digital
Datenformat:
CD-A
Kopie:

Datenformat Sichtung:
MPEG 1
Datenformat Archiv:
WAV
Teilnehmende:

Person:
Grass, GünterGND (Sprecher(in))
Person:
Grass, GünterGND (Autor(in))
Anmerkung:
Ob der Beitrag oder Ausschnitte daraus gesendet wurden, ist nicht bekannt.

Zitieren

Zitierform:

Grass, Günter: Günter Grass in der JVA Tegel. Berlin-Tegel, Justizvollzugsanstalt .

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