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„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 1467

Fundsachen für Leser : Leipzig liest: Podium auf der Leipziger Buchmesse 2010

Über die Kommentarbände zur Werkausgabe von Günter Grass Podiumsgespräch mit Günter Grass, Eckhard Fuhr und Volker Neuhaus unter der Leitung von Stefan Lohr Lohr: Kommentarbände zu Lebzeiten; Grass: Vorteil: Man könne noch befragt werden, auch die Kommentatoren wie Volker Neuhaus und Dieter Stolz; Kommentarbände hilfreich für nachwachsende Lesergenerationen; Verweis auf kommentierte Jean Paul-Ausgabe; Kommentare als Bereicherung; Lohr: erläutert den Aufbau und die Zielgruppe der Kommentarbände; Neuhaus: Zielgruppe: alle, die sich didaktisch oder wissenschaftlich mit Grass beschäftigen; Konzept der Werkausgabe bereits in der alten Luchterhand Werkausgabe; Aufstellen einer "Bildgrammatik" oder "Wortgrammatik" des Werks von Grass; Ermutigung dadurch, dass Grass' amerikanische Verlegerin Helen Wolf grundsätzlich Kommentare hinzufügt; Lohr: Umgang des Feuilletons mit den Kommentarbänden? Fuhr: Distanz zur universitären Germanistik, darum zunächst Skepsis; Kommentarbände seien aber ansprechend und zum richtigen Zeitpunkt erschienen (Buch von Helene Hegelmann und Preis auf der Leipziger Buchmesse: Plagiatsvorwürfe); populäre Philologie sei in diesem Kontext begrüßenswert; Lohr: sind weitere Kommentarbände geplant? Wann? Neuhaus: Abhängig von den einzelnen Herausgebern; Neuhaus selbst will noch vier Bände herausgeben; nächster "Schub an Kommentaren" frühestens im Herbst 2011; drei weitere Herausgeber für die Kommentarbände; der Verlag [Steidl] unterstütze das Vorhaben; Grass: hebt den verlegerischen Mut hervor; es sei abenteuerlich gewesen, in dem von Dieter Stolz geschriebenen Kommentarband zu den Theaterstücken alte Skizzen aus den 50er Jahren zu sehen; diese Skizzen hätten im Archiv der Akademie der Künste gelegen und seien von Stolz dort "ausgegraben" worden; überraschend sei es viellleicht auch für den Leser zu sehen, wie ein Autor angefangen habe: als Lyriker und Theaterschreiber; im Kommentarband zu den Gedichten auch Querverweise zu Romanen; Lohr: eigener, authentischer Kommentar von Günter Grass durch "Beim Häuten der Zwiebel", der selbst in die Kommentare wieder eingeflossen ist, Fuhr: sieht Grass die Kommentarbände als Konkurrenz zu seinen eigenen Werkdeutungen? Gibt es Deutungen, mit denen er nicht übereinstimmt? Grass: Misstrauen in der Germanistik; die Germanistik konzentriere sich darauf, Werke zu interpretieren; jedes Kunstwerk vertrage hunderte von Interpretationen abgesehen von der des Autors; Schüler würden dadurch zu gewissen Interpretationen gezwungen; dies sei sehr "kunstfeindlich"; die Herausgeber der Kommentarbände seien aber Germanisten, die ihr Handwerk verstünden und den Leser nicht festlegen würden; Lohr: zurückhaltende Interpretation in den Kommentarbänden - beabsichtigt und möglich? Neuhaus: Entwicklung von Lesarten; besondere Schwierigkeiten bei den absurden Theaterstücken; Stolz habe dies gelöst, indem er die inneren Bewegungen in den Stücken nachgezeichnet habe; diese inneren Bewegungen habe man dann auf das Gesamtwerk projiziert; Lohr: Kommentarbände sind nicht auf einen wirtschaftlichen Erfolg für den Verlag ausgelegt; sind sie noch eine zeitgemäße Form, Literatur zu begleiten (vs. Informationen im Internet); Neuhaus: "Urvertrauen" zum Buch; Computer seien sehr eigenwillig, Bücher sehr verfügbar; es gebe kein Format und keine Plattform, wo Kommentare sinnvoll untergebracht seien; Fuhr: stimmt zu; laut einer Studie seien viele in der digitalen Welt noch nicht angekommen; Grass: Arbeitsweise: Manuskript per Hand und tippen auf der alten Olivetti-Schreibmaschine; er bekomme oft - verlangt oder unverlangt - Bücher von jungen Autoren geschickt und könne nach etwa 10 Seiten sagen, ob das Buch auf herkömmliche Weise oder am Computer geschrieben worden sei; der Computer verleite zu Beliebigkeit und Glätte, das Schriftbild sei zu früh zu sauber; Grass habe Peter Bichsel zum 75. Geburtstag gratulieren wollen und sei dabei auf die Spur einer Lithographie gestoßen, die er in den 70er Jahren hergestellt habe; sämtliche Informationen dazu habe dann seine Sekretärin im Internet gefunden; für solche Recherchen sei der Computer geht, er ersetze aber das Buch nicht; Lohr: Computerskepsis bei Grass? Grass: der Computer könne keine Auskunft geben, welche Querverbindungen es bspw. von einem Gedicht der 60er Jahre zu späteren Prosa-Motiven bestünden; auch Arbeitsvorgänge gingen im Computer verloren; Lohr: Vergleich zu anderen Autoren und Werken, die kommentiert werden (u.a. Gesamtausgabe von Heinrich Böll mit Kommentaren); unterschiedliche Modelle bei Kommentaren? Neuhaus: Integrierte Ausgabe (Text + Kommentar) 1987; verlegerische Entscheidung von Steidl, nun Einzelbände herauszugeben; felxiblere Form durch Einzelbände; Vorteil: Leserfreundlichkeit; Lohr: wirtschaftlich günstigere Variante; Besonderheit der Kommentarbände: Kommentatoren hatten sowohl Zugang zu Günter Grass selbst als auch zu Archiven; unter den Archivalien viel Nicht-Publiziertes; Grass: ununterbrochener Schreibprozess von 7 Jahren bei der Danziger Trilogie; beim Schreiben der "Blechtrommel" seien die folgenden Bücher jedoch nicht vorhersehbar gewesen; der englische Germanist John Riddick habe dann in den 60er Jahren zum ersten Mal den Begriff "Danziger Trilogie" verwendet; Lohr: besteht das Werk von Grass nicht auch ohne öffentlich-wissenschaftliche Begleitung in Form der Kommentarbände? Fuhr: Vorurteile gegen Grass, gegen die man Einwände erheben kann, indem man Querverweise und Verbindungen aufzeigen kann; Lohr: Kommentarbände nicht allein zur wissenschaftlichen Beschäftigung, sondern Vermittlung mit wissenschaftlichen Mitteln - wird dies in der Germanistik akzeptiert? Neuhaus: Weltweite Präsenz von Grass und kein Zugang zu Archiven für Interessierte; Bereitstellung von Materialien sei daher hilfreich; die Kommentarbände seien ein mehr editorisches Unternehmen; im Ausland würden die Bände sehr dankbar angenommen; Grass: hätte sich beim Schreiben von "Katz und Maus" nicht vorstellen können, dass dieses Buch einmal Schullektüre werden würde und auch im Ausland gelesen werden würde; die Kommentarbände seien für Schüler hilfreich.


Urtitel:
Fundsachen für Leser
Anfang/Ende:
Genau 17 Uhr…in Leipzig, auf Wiedersehen. (BEIFALL)
Genre/Inhalt:
Literatur
Historischer Kontext:

Veröffentlichung der ersten fünf Kommentarbände zur Werkausgabe 2007

Schlagworte:

Werke:
Die Blechtrommel; Katz und Maus
Sach:
Verlag; Buch; Werkausgabe; Kommentarband; Interpretation; Internet; Computer
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
19.03.2010
Aufnahmeort:
Leipzig, Alte Handelsbörse
Sprachen:
deutsch
Original:

Analog/Digital:
born digital
Datenformat:
WAV
Kopie:

Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Teilnehmende:

Person:
Lohr, StefanGND (Interviewpartner)
Person:
Grass, GünterGND (Sprecher(in))
Person:
Neuhaus, VolkerGND (Sprecher(in))
Person:
Fuhr, EckhardGND (Sprecher(in))

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Zitierform:

Fundsachen für Leser. Leipzig, Alte Handelsbörse .

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