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„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 1531

Die Deutschen und ihre Dichter : Interview auf der 47. internationalen Frankfurter Buchmesse 1995

Frage: Probleme der Deutschen mit ihren Dichtern? Grass: Umgang sei manchmal "kritiklos bewundernd", aber auch ablehnend und missachtend; in anderen Ländern gebe es konstanten Respekt vor Schriftstellern, was in Deutschland zu vermissen sei; Frage: "Ein weites Feld" beziehe dich auf Literatur und Erzähltechnik, aber auch auf politische Dimensionen Grass: komplexes Buch; der "vordergründige und ereignisreiche Prozess der Einheit sollte in den breiteren historischen Kontext der Einheit von 1870/71 und die 48er-Revolution gestellt werden; daraus resultiere ein komplexes "Erzählgewebe", das für Grass reizvoll gewesen ist; Frage: Verbundenheit mit Alfred Döblin und dessen Werk (vgl. Döblin-Preis, der von Grass initiiert wurde); in "Ein weites Feld" Zuwendung zu Theodor Fontante - Wechsel des "literarischen Vaters"? Grass: verneint; Döblin sei nach wie vor der "große Anreger" und regelrecht verschwenderisch mit seinen Ideen und habe ebenso wie Joyce der Literatur eine neue Richtung gegeben; Thomas Mann sei dagegen ein klassischer Autor, an den man als junger Autor gar nicht anknüpfen könne; an Fontane habe ihn die gebrochene Biographie gereizt (Revolutionär, dann reaktionär; Regierungsagent in London; Schriftsteller erst im hohen Alter); bei Fontane stehe der Erzähler und Romancier im Vordergrund; Brandenburg und Preußen sei nach dem 30jährigen Krieg so tolerant gewesen, einen Hugenotten wie Fontane aufzunehmen; Preußen habe wiederum von den Hugenotten profitiert; Frage: Verrisse für "Ein weites Feld", die offenbar dem Verkaufserfolg nicht schaden? Grass: korrigiert: es gebe eine eingeschworene Clique, die sich für meinungsbildend halte und die Verrisse geschrieben habe; der Pressespiegel sei aber insgesamt überwiegend positiv, besonders in den neuen Bundesländern; es sei interessant und beschämend zugleich, dass man die Stimmen aus den neuen Bundesländern nicht wahrnehme; dies bestätige Grass' These von der inneren Teilung Deutschlands auch nach der Einheit; Frage: Grass' Kritik an der Literaturkritik - wie könnte Literaturkritik sein? Grass: Kritik müsse kritisch auf das Buch bezogen sein; die Wünsche des Kritikers seien irrelevant, vielmehr müsse er sich auf den Autor und sein Vorhaben einlassen; der Kritiker müsse zwischen Buch und Leser kritisch vermitteln; der Literaturkritik sei vorzuwerfen, dass sie die Kritiker in Szene setze; Frage: Gibt es für Grass einen Punkt, an dem er so entmutigt sei, dass er nicht mehr weiter schreiben könne? Grass: hat Tiefpunkte immer wieder erlebt, sei aber dann auch immer wieder von Stoffen gepackt worden (insbesondere Sprache und Geschichte Deutschlands); Frage: Schriftsteller wie Fontane haben ihren Höhepunkt erst im Alter erreicht - sieht sich Grass in dieser Tradition? Grass: völlig andere Biographie bei Fontane; Fonaten habe mehrere Höhepunkte gehabt: als junger Autor mit Gedichten, dann spätes "come back"; aber nur "Kinderjahre" und "Effi Briest" seien Verkaufserfolge gewesen; von der Kritik sei Fontane dagegen schlecht behandelt worden, vgl. Aussage von Fontane: "Die Kritiken sind wie von Verbrechern geschrieben"; auch Fontane habe sich, wie Grass, herausgenommen, "parallel zur Zeit" zu schreiben (z.B. "Frau Jenny Treibel" oder "Der Stechlin").


Urtitel:
Tondokumente zur Geistesgeschichte 1995 - Interview mit Günter Grass
Anfang/Ende:
(ATMO) Herr Grass, die Deutschen…worden. Danke sehr.
Genre/Inhalt:
Literatur
Historischer Kontext:

Erscheinen von "Ein weites Feld" und "Die Deutschen und ihre Dichter"

Schlagworte:

Person:
Döblin, AlfredGND; Fontane, TheodorGND; Joyce, JamesGND; Mann, ThomasGND
Werke:
Ein weites Feld; Die Deutschen und ihre Dichter; Der Stechlin; Frau Jenny Treibel; Irrungen, Wirrungen; Kinderjahre
Sach:
Literaturkritik; Kritiker; Alterswerk; Kritik; Einheit
Geo:
Preußen; London; Brandenburg
Zeit:
1870/71; Dreißigjähriger Krieg; 1848
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
13.10.1995
Aufnahmeort:
Frankfurt/Main; Buchmesse
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Analog/Digital:
reformatted digital
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Deutsche Welle (DW)
Archivnummer:
3404755000 Tontr.-Verweisung: 1950136400
Produktionsnummer:
ÜL12131095113
Teilnehmende:

Person:
Grass, GünterGND (Sprecher(in))
Person:
Kluge, ErhardGND (Interviewpartner)

Zitieren

Zitierform:

Tondokumente zur Geistesgeschichte 1995 - Interview mit Günter Grass. Frankfurt/Main; Buchmesse .

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