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„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 1580

Wende-Zeiten : Die ostdeutsche Kultur zehn Jahre nach der Vereininigung

Schatten, Fritz GND

Feature über die Entwicklung der ostdeutschen Kultur seit der Deutschen Einheit Distanz bei Intellektuellen zur Wiedervereinigung; "Nation" und "Kulturnation" gelten fast als anstößig; vgl. Enzensberger: statt einem großen "D" gelte vielmehr das ".de" der Internet- und Spaßgesellschaft; das vereinte Deutschland sei jenen suspekt, die international und kosmopolitisch denken; "deutsch" und "Deutschland" als Widerspruch zu realen und virtuellen Wirklichkeiten; Regina Münch (aus der DDR-stammende Autorin): Fehlen von Geschichte und Kultur in der DDR; "Deutschland" als Fremdwort; Deutsche Kulturnation habe nicht greifen können; Münchs grunsätzlicher Widerspruch sei jedoch grundsätzlich ein anderer als der westdeutscher Intellektueller; unter diesen wortführend: Günter Grass; O-Ton Grass: er sei ein Freund von Realpolitik; es gebe aber unübersehbare Tatsachen, neben den moralischen Bedenken, die "Hemm- und Schamschwelle Auschwitz" nicht zu übertreten; Ausschwitz als Hinderungsgrund für ein Einheitskonzept; andere Intellektuelle hätten sich durch Maierfall und Wiedervereinigung in ihrer westdeutschen Idylle gestört gefühlt; Beispiel Patrick Süßkind, der 1990 in einen Essay geschrieben hatte, dass die Intellektuellen an Deutschland nicht mehr haben denken könnten; die Nachricht vom Mauerfall habe Süßkind geschockt, um so mehr, als Willy Brandt gesagt hat "jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört"; Zitate von Süßkind; Einheitskritiker unter der Ost-Intellektuellen haben zunächst einen wirklichen sozialistischen Staat erproben wollen, hätten die Aussagen von Grass und Süßkind aufgenommen; es sei eingetreten, was diese und andere befürchtet hätten: Neid und Spannungen im Inneren; Wolf Biermann hat die Einheit begrüßt, sie aber in einem melancholischen Lied besungen: "Dideldumm" Ausschnitt aus dem Lied "Dideldumm"; starke und andauernde Unterschiede zwischen Ost und West; unterschiedliche Ansichten und Lebensformen; darauf verweise auch Hans-Joachim Maaz, Psychologieprofessor in Halle; Diagnose einer Nötigung zur Anpassung in Ostdeutschland; Maaz: Ostdeutschland habe seine Stärke nicht auf den Westen projizieren können, Westdeutschland hingegen aber seine Schwächen auf den Osten; Besetzung zahlreicher Chefposten in Wirtschaft, Industrie und Kultur in Ostdeutschland durch Westdeutsche verärgere die Ostdeutschen; zudem Überheblichkeit der Westdeutschen und amerikanisierte Begriffe; Gegenbewegung der Ostalgie; Katja Lange-Müller (Autorin) zum zehnten Jahrestag des Mauerfalls: Stasi-Akten, Baustellen in Großstädten, Verwaisung der Kleinstädte und der ländlichen Gegenden; soziale Probleme in den Familien; Schwierigkeiten der Entfaltung von Kulur in Ostdeutschland auch angesichts der Zensur und Beschränkunen von Kulturschaffenden in der DDR (z.B. Ernst Bloch, Hans Mayer und zahlreiche DDR-Autoren); vor allem die Literatur habe diese Verluste bisher nicht ausgleichen können; Grass' Hoffnungen dahingehen hätten sich nicht erfüllt; Grass 1997 in einem Interview mit der DW: hofft auf einen "Schub Literatur" aus den neuen Ländern; Antrieb dafür sind Identitätsverluste und Besitznahme durch den Westen; Ausnahmen: Wolfang Hilbichs "Ich" und Thomas Brussigs "Helden wie wir" - Stasi aus der Sicht von Mitmachern; Erich Loests Protestruf "Wir sind das Volk" als Nachzeichnung der Wende-Demonstrationen; bedeutsam: Romane von Monika Maron, die den Konflikt zwischen gleichgeschalteter Gesellschaft und Individuum thematisieren; Christa Wolfs "Medea" als "elitäre Verhüllungsliteratur", jedoch bisher kein großer Wenderoman; großes Interesse der Ostdeutschen an DDR-Dissidenten-Literatur, eingeschlossen den beharrlichen Sozialisten Stefan Heym; Kurt Masurs erstes Konzert nach dem Mauerfall: 9. Symphonie von Beethoven (Ausschnitt); ähnlich wie Masur in Leipzig handelte Wolf Kuhn in Dessau; Kuhn im Fadenkreuz der SED wegen einer Aufführung eines aufrührerischen Theaterstücks in seinem Haus; O-Ton Kuhn: spannendste Zeit seines (Berufs-)Lebens; ab Sommer 1989 Untersuchungskommission gegen Kuhn; im Herbst Einladung des Neuen Forums, die erste Demonstration in Dessau zu leiten; Rücktritt der SED-Kreisleitung daraufhin; Ulrich Burkhardt, Intendant des Meininger Theaters, über Ungarn nach Kassel gekommen, folgt nach der Wende einem Rückruf nach Meiningen; vor allem in Meiningen deutlich: Theater bedeutend für das kulturelle Leben in den neuen Bundesländern; trotz vieler staatlicher Theater der DDR selten volle Häuser; gut besucht hingegen systemkritische Stücke (z.B. Heiner Müllers "Umsiedlerin"); berühmt für solche Stücke: Schwerin; "Wilhelm Tell" als DDR-Geheimtip; nach der Einheit Wandel an den DDR-Bühnen; Überzahl der Theater führten zum "Theaterstreben"; Michael Schindhelm: neue Räume und junges Publikum für Theater O-Ton Schindhelm: schwierige Umbruchsituation, besonders für Jugendliche; Erschütterung von Familie und Schule; wichtiger Auftrag der Theater für Jugend; Schindhelms Ansicht hat sich angesichts des Rechtsradikalismus im Osten an allen Bühnen durchgesetzt; Wiedererstehen auch kleinerer Theater als GmbH mit jugendpädagogischem Auftrag; Beispiel Theater Freiberg; Staatstheater setzen nicht nur auf Klassik, sondern bzw. auch auf Musicals (Ausschnitt aus "Evita"); Rettung historischer Bauten in Ostdeutschland; weit fortgeschrittene Restaurierung in den Städten; Beispiele Weimar, Görlitz und Dresden; Peter Mitsching (Stadtplaner): harmonische Entwicklung der Stadt Görlitz; verschiedene historische Gesichter der Stadt; ironische Antwort auf die kulturellen Entwicklungen in Ostdeutschland durch das Kabarett; Passage aus einem Stück in der "Distel" in Berlin.


Urtitel:
Wende-Zeiten. Die Ostdeutsche Kultur zehn Jahre nach der Vereininigung
Anfang/Ende:
(Trailer) Deutsche Welle. Kulturreport…Redaktion Hanno Murena. (Abmoderation)
Genre/Inhalt:
Politik
Historischer Kontext:

Zehn Jahre nach der Deutschen Einheit

Schlagworte:

Person:
Enzensberger, Hans MagnusGND; Münch, ReginaGND; Süßkind, PatrickGND; Brandt, WillyGND; Biermann, WolfGND; Maaz, Hans-JoachimGND; Lange-Müller, KatjaGND; Hilbig, WolfgangGND; Brussig, ThomasGND; Wolf, ChristaGND; Maron, MonikaGND; Heym, StefanGND; Masur, KurtGND; Kuhn, RolfGND; Burkhardt, UlrichGND; Schindhelm, MichaelGND; Müller, HeinerGND; Mitsching, PeterGND
Werke:
Das gelobte Land; Medea; Helden wie wir; Ich; Umsiedlerin; Wilhelm Tell
Sach:
SED; Nation; Kulturnation; Realpolitik; Wiedervereinigung; Wirtschaft; Einheit; Ostalgie; Kultur; Stasi
Geo:
Weimar; Görlitz; Berlin; Schwerin; DDR; Auschwitz; Dresden
Zeit:
1990; 1989
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
28.09.2000
Datum Erstsendung:
07.10.2000
Aufnahmeort:
Köln
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Stereo
Original:

Analog/Digital:
reformatted digital
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Deutsche Welle (DW)
Sendereihe:
Kulturreport - Kulturthema
Archivnummer:
3537856000
Produktionsnummer:
293337
Teilnehmende:

Person:
Schatten, FritzGND (Autor(in))
Person:
Schatten, FritzGND (Sprecher(in))
Person:
Grass, GünterGND (Mitwirkende(r))
Person:
Kuhn, RolfGND (Mitwirkende(r))
Person:
Murena, Hanno (Sprecher(in))
Person:
Hucke, Richard (Sprecher(in))
Person:
Schiefenbusch, RuthGND (Sprecher(in))
Person:
Hoßfeld, Carola (Redaktion)

Zitieren

Zitierform:

Schatten, Fritz: Wende-Zeiten. Die Ostdeutsche Kultur zehn Jahre nach der Vereininigung. Köln .

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