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„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 1711

Liebeserklärung an die deutsche Sprache : Günter Grass im Gespräch mit Prof. H. Detering

Detering: Untertitel von "Grimms Wörter" als eine Art Gattungsbezeichnung: "Eine Liebeserklärung"; Liebeserklärung an deutsche Sprache, an die Brüder Grimm, an die Literatur? Grass: Liebesromane gebe es im Übermaß; er habe jedoch eine lebenslange Obession gegenüber der deutschen Sprache, aus der ein Liebesverhältnis geworden sei; eine bessere Gattungsbezeichnung wisse er nicht; Wilhelm Grimm hat auf dem ersten Germanistentag eine Rede gehalten, in der er unter anderem die Franzosen lobt, die eine Akademie haben, die auf den Erhalt der französischen Sprache achtet; Wilhelm Grimm befürwortet, dass es dies in Deutschland nicht gibt, den dadurch besteht die Möglichkeit, dass sich die Sprache immer wieder selbst erneuert; Grass teilt diese Ansicht (auch mit Rückblick auf die Rechtschreibreform). Detering: Sprache ist für Grass in erster Linie gesprochene Sprache, er hat die Gewohnheit, während des Schreibens das Geschriebene laut mitzusprechen; gleichzeitig mit dem Buch ist ein Hörbuch erschienen Grass: der Ursprung der Literatur sei oral, diese Meinung teile er mit anderen Schriftstellern; vor dem Aufschreiben seien Geschichten zunächst mündliche weitererzählt worden, bis sie, beispielsweise durch Homer, aufgeschrieben worden seien; er selbst bemühe sich, dass der Text auf dem Papier Bestand habe aber gleichzeitig auch gesprochen werden könne; das lade auch den Leser dazu sein, gelegentlich laut zu lesen oder vorzulesen; dies sei die beste Art, einen Text zu verstehen. Detering: Grass schreibt nicht mit dem Computer, sondern per Hand und mit seiner alten Olivetti-Schreibmaschine; verschmäht Grass Computer und hat er eine Abneigung gegen das elektronische Buch und das elektronische Schreiben? Grass: die erste Fassung schreibe mit der Hand in Blindbände, die ihm sein Verleger zur Verfügung stellt; danach tippe er aus seiner Reiseschreibmaschine zwei Fassungen; den korrigierten Text lasse er dann von seiner Sekretärin in den Computer übertragen; er selbst benutze keinen Computer, da dieser zu schnell ein fertiges Schriftbild liefere und eine "gewisse Beliebigkeit" offenbare; das Buch werde weiterhin Bestand haben gegenüber elektronischen Büchern, da es haptisch sei und auch vererbt werden könne; es sei immer eine Minderheit gewesen, die von der Fähigkeit des Lesens Gebrauch gemacht habe, und dies werde auch weiterhin so sein; die Euphorie über die neuen Medien und die neuen Möglichkeiten werde auch wieder abflachen; der schnelle Austausch von Informationen bedeute noch kein Wissen, Wissen müsse erarbeitet werden. Detering: Grass ist ein "Mann des Bildes": Ineinandergreifen von Text und Bild (Entstehung von "Der Butt"), Schreiben und Zeichnen auf demselben Papier Grass: ist dankbar für diese Möglichkeiten und die fließenden Übergänge; die meisten Bücher seien durch Zeichnungen begleitet worden; auch die Umschläge der Bücher gestalte er stets selbst; seine drei letzten Bücher ("Beim Häuten der Zwiebel", "Die Box" und "Grimms Wörter") folgten einem autobiographischen Strang, der nun abgeschlossen sei; nun sei er "leergeschrieben" und müsse das Handwerkszeug wechseln; daher habe er nun nach 20 Jahren wieder mit Ätzradierungen begonnen, die auf die "Hundejahre" zurückgreifen; wenn er beim Schreiben erschöpft sei, könne er beim Zeichnen regenerieren; zum Zeichnen kämen dann oft wieder Gedichttexte, später auch weitere Texte. Detering: Ineinandergreifen von Lyrik und Prosa, etwa im "Butt"? Grass: in der Romantik bis in die Spätromantik sei es normal gewesen, dass Prosa von Lyrik durchsetzt gewesen sei; er selbst sei zum ersten Mal im "Butt" so verfahren; die Gedichte hätten dort eine bestimmte Funktion, stünden aber dennoch auch für sich; auch in "Grimms Wörter" habe er dieses Verfahren angewandt. Detering: Grass hat gesagt, dass die Arbeit an dem siebenjährigen Projekt des autobiographischen Schreibens nun zuende gekommen ist; viele Rezensenten haben Probleme mit dem schnellen Sprung "von Grimm zu Grass" - wie steht Grass dieser Kritik gegenüber? Grass: von einem Autor werde oft verlangt, dass beim autobiographischen Schreiben das "ich" nicht vorkommen dürfe; dies sei sehr schwierig; für die drei autobiographischen Werke habe er jeweils eine andere literarische Form gewählt; beim Schreiben von "Grimms Wörter" habe es viele Parallelen und Stichworte gegeben, die ihn dazu gebracht hätten, eigene Erfahrungen als Schriftsteller und Bürger einfließen zu lassen; dies mache etwas ein Viertel des Textes aus und stehe offenbar bei einigen Kritikern im Vordergrund; besonders empfindlich reagiere die Kritik, wenn er Probleme der Gegenwart anspreche. Detering: ein Abschnitt aus "Grimms Wörter" beschäftigt sich mit der Paulskirchenrede; in der Paulskirche hat Grass über den Autor Yasar Kemal gesprochen und beschreibt dies ausführlich in "Grimms Wörter" Grass: beschreibt das Scheitern von Jakob Grimm in der Paulskirche; sein eigenes Paulskirchenerlebnis sei die Rede auf Kemal gewesen, zu der er von diesem eingeladen worden ist. Detering: Grass führt Jakob und Wilhelm Grimm von Anfang an als Citroyen und als Philologen, die sich politisch engagieren; dies erscheint als Keimzelle des Buches Grass: die Brüder Grimm hätten sich politisch zunächst rausgehalten, hätten aber den Verfassungsbruch nicht hinnehmen wollen. Detering: aus dieser Keimzelle ist ein umfangreiches Buch geworden; das Buch wirkt zunächst leicht und spielerisch, ist aber ein komplexes Gewebe; wie ist der Weg von der Keimzälle zu einem verwobenen, komplexen Gewebe? Grass: ist zunehmend fasziniert gewesen von dem Material, das das 19. Jahrhundert liefere und wie weitrechend die Wirkungen dieser Zeit seien (Beispiel: Hirzel-Familie und -Verlag); was die Brüder Grimm betrifft, sei er vor allem von der Arbeitsleistung fasziniert gewesen; die Komplexität der Zeit sei ihm außerdem gegenwärtig vorgekommen. Detering: Die Geschichte, wie Grass sie erzählt, reicht bis ins 20. Jahrhundert hinein (Kaiserreich, Weimarer Republik bis zur Deutschen Einheit). Grass: Über diese Zeit, besonders nach 1945, habe er an dem Wörterbuch weitergearbeitet. Detering: Grass hat die deutsche Geschichte nach den Anfangsbuchstaben des Grimmschen Wörterbuchs gegliedert, von Kapitel A bis Kapitel F. Grass: danach gebe es einen Sprung, bedingt durch den Korrektor Rudolf Hildebrand, zum Buchstaben K; darauf folgten noch weitere Sprünge. Detering: weitere Verbindung zwischen den Brüdern Grimm und Grass: Märchen; "Der Butt" ist das umfangreichste deutsche Kunstmärchen, in der "Rättin" treten die Brüder Grimm im Märchenwald auf, in "Totes Holz" hat Grass Abschied von der Märchenwelt genommen; Grass ist eigentlich ein Märchenerzähler. Grass: bedankt sich für diese Bezeichnung; es sei Aufgabe und Möglichkeit der Schriftsteller, diese "überreale" Art und Weise fortzuführen und weiter zu nutzen; es sei immer sein Ehrgeiz gewesen, "möglichst glaubwürdig zu lügen" Detering: in "Grimms Wörter" gibt es düstere Ausblicke auf den Tod; auch in Interviews hat Grass angemerkt, dass dies vielleicht sein letztes Buch sei. Grass: Das sei nicht unbedingt düster, viele Leute seien wohl froh, wenn er mit dem Schreiben aufhören würde; sein hohes Alter sei ein Geschenk, es gebe keinen Anlass, düster zu werden. Detering: dennoch sitzt Grass an einem neuen Projekt… Grass: in Radierungen Rückgriff auf den fünfzig Jahre alten Roman "Hundejahre"; dies habe ihm die Gelegenheit gegeben, den Roman noch einmal zu lesen und seinem jungen Autor zu begegnen. Detering: Grass sagt, die "Doppelgänger"-Geschichten und das autobiographische Schreiben seien nun abgeschlossen Grass: das schließe nicht aus, dass er demnächst wieder "in die Pilze gehe" und sich selbst dort begegne. Detering: in Jakob Grimm's Rede über das Alter gibt es den Satz "Nicht jeder alte Wein wird sauer"; Grass hat mit seinem neuen Buch und seiner Lesung ein eindrucksvolles Beispiel dafür gegeben.


Urtitel:
Günter Grass im Gespräch mit Prof. H. Detering
Anfang/Ende:
Ja, meine Damen…und vielen Dank (BEIFALL, ATMO)
Genre/Inhalt:
Roman
Historischer Kontext:

Veröffentlichung von "Grimms Wörter"; Buchprämiere mit Lesung und einem Gespräch zwischen Professor Heinrich Detering und Günter Grass in Göttingen.

Schlagworte:

Person:
Homer, GND; Grimm, JakobGND; Grimm, WilhelmGND; Hirzel, SalomonGND; Freytag, GustavGND; Hildebrand, RudolfGND
Werke:
Hundejahre; Beim Häuten der Zwiebel; Die Box; Der Butt; Grimms Wörter; Soll und Haben
Sach:
Kaiserreich; Wissen; Computer; Oralität; Weimarer Republik; Zeichnen; Wörterbuch; Schreiben; Deutsche Einheit; Manuskript; Autobiographie; Märchen; Schreibmaschine; Literatur; Sprache; Gattung; Information; Lyrik; Radierung
Geo:
Göttingen; Frankreich
Zeit:
20. Jahrhundert; 19. Jahrhundert
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
03.09.2010
Sprachen:
deutsch
Original:

Analog/Digital:
born digital
Datenformat:
CD-A
Kopie:

Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Teilnehmende:

Person:
Grass, GünterGND (Sprecher(in))
Person:
Detering, HeinrichGND (Sprecher(in))
Person:
unbekannt, (Sprecher(in))

Zitieren

Zitierform:

Günter Grass im Gespräch mit Prof. H. Detering.

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