Logo der Günter Grass Stiftung Bremen

Webdatenbank

Medienarchiv

„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 1753

Gespräch über die Studenten-Proteste und das Establishment

Frage: Grass hat in der Berliner Zeitung "Der Morgen" einen Aufruf veröffentlicht, in dem er sich gegen Gewaltaktionen wendet, u.a. gegen das Einschlagen von Fensterscheiben bei Fillialen der "Berliner Morgenpost"; die Studenten mahnt er, dass ihr Protest gegen das Establishment nicht selbst zum Establishment wird; Grass verwendet den Begriff "Establishment" also doppelt - was versteht er darunter? Grass: Das Einschlagen von Fensterscheiben habe eine "fatale Nähe" zu Umständen, die in Deutschland bekannt seien; die Gewalt sei jedoch als "Wirkung" anzusehen, deren Ursachen man aufdecken müsse; die terroristischen Aktionen seien darauf zurückzuführen, dass die Springer-Presse in Berlin vor einem Jahr systematisch gegen die Studenten gehetzt habe; die Springer-Presse habe damals zu Gewalt und härterem Durchgreifen aufgefordert; der Fanatismus von Axel Springer habe den Fanatismus von Rudi Dutschke erst erschaffen; es habe des Establishments bedürft, um Rudi Dutschke in die Öffentlichkeit (z.B. die Illustrierte "Stern") zu bringen; Frage: Ist die Opposition "Springer-Presse 1967" vs. Studentenproteste differenziert genug? Grass: Es bestehe eine latente Bereitschaft zur Gewalttätigkeit, um die bestehende Ordnung zu verteidigen; wenn diese Bereitschaft durch einen Konzern [Springer] geweckt und vorangetrieben würde, könne nicht davon die Rede sein, dass sie Stimmung in der Bevölkerung aufgegriffen werde; die Universitäten und Hochschulen seien "das restaurative Kind der Adenauer-Ära", die Studenten seien entsprechend einseitig ausgewählt und würden sich unpolitisch verhalten; dies schlage nun ins Gegenteil um; die Studenten würden meinen, politisch zu handeln, seien dabei aber nach wie vor apolitisch und würden politische Schlagworte aus zweiter und dritter Hand (Amerika, England) benutzen; der Begriff "Establishment" werde dabei ohne Hinterfragen als Schimpfwort verwendet; "Establishment" sei aber nicht grundsätzlich etwas schlechtes; es werde erst problematisch, wenn es keine Möglichkeiten der Mitsprache mehr gäbe; seit Beginn der Großen Koalition sei die Lage aufgeladen; Frage: Versteht Grass unter "Establishment" die Verfestigung sozialer Gruppen und Strukturen, in denen ideologische Positionen nicht aufgegeben werden? Ist der Protest in diesem Zusammenhang nicht verständlich? Grass: Es komme darauf an, dass die eigentlichen Ziele der Studenten nicht von Demagogie überdeckt würden wie z.B. durch die Räterepublik; Frage: Die Studenten nennen Solidarisierung als Begründung - Grass: Dies sei verständlich; die Studenten würden einen "mittelmäßigen Funktionär" wie Kurt Mattick angreifen ähnlich wie die Bremer Richard Boljahn; diese seien stellvertretende Schwachpunkte für eine Schicht, die die Studenten mit dem Establishment gleichsetzen; Frage: Wenn Grass von "mittelmäßig" spricht, ist das ein Eliteanspruch, eine Anmaßung Grass: Ist froh, dass die Generation, die nach dem Krieg geboren ist, protestiert, und nicht mehr bereit ist "die Hypothek ihrer Väter und Großväter" mitzuschleppen; der Zusammenahng von Ursache und Wirkung sei zzu bedenken; Frage: Frage nach der Ursache - die politischen Errungenschaften sind vergleichbar gut Grass: Im Vergleich würde man gut abschneiden; man dürfe jedoch nicht den gleichen Fehler wie die Studenten machen, die die Probleme der Dritten Welt oder Vietnams auf die Bundesrepublik übertragen; der SDS habe vernünftige Vorschläge zu einer Hochschulreform gemacht; Frage: Muss man, wenn man seine politischen Ziele nicht duchsetzen kann, Faschist oder Maoist werden? Grass: verneint; dies habe aber zwei Seiten; wenn man auf Autoritätsprinzipien bestehe, müsse eine "unfertige" Gesellschaft wie die westdeutsche eine Reaktion nach ganz Links und nach ganz Rechts erfolgen; Frage: Auf die Proteste der Studenten ist aber nicht nur mit Autorität reagiert worden; nach den Ereignissen 1967 [Attentat auf Benno Ohnesorg] habe es Diskussionen mit und Verständnis für die Studenten gegeben; dies werde durch die neuen Proteste zerschlagen Grass: Die Studenten seien sehr erschrocken über die Gewalt und den Terror; man müsse die Studenten aus der "falschen Solidarität" herausführen und ihnen Gelegenheit geben, ihren Protest neu zu formulieren; die Studenten könnten den etablierten Weg über die Parteien noch nicht gehen; Grass plädiert für Evolution und Kompromisse; man müsse Geduld mit den Studenten haben; Frage:


Urtitel:
Kulturelles Wort und Vorträge 1968: Atelier am Sonntagabend
Anfang/Ende:
Zu Gast im…für ihren Besuch.
Genre/Inhalt:
Politik
Historischer Kontext:

"Internationaler Vietnam-Kongress" am 17./18. Februar 1968 in der TU Berlin Vgl. auch Zimmermann: Günter Grass unter den Deutschen, S. 248ff.

Schlagworte:

Person:
Springer, Axel CäsarGND; Dutschke, RudiGND; Ohnesorg, BennoGND; Mattick, KurtGND; Boljahn, RichardGND
Sach:
Gewalt; Terrorismus; Studentenprotest; Springer-Presse; Presse; Faschismus; SDS; Establishment
Geo:
Berlin; USA; England; Vietnam
Zeit:
1967
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
09.02.1968
Datum Erstsendung:
09.02.1968
Aufnahmeort:
unbekannt
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Analog/Digital:
reformatted digital
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Deutschlandradio (DLR)
Sender / Institution:
Rundfunk im amerikanischen Sektor (RIAS)
Sendereihe:
Atelier am Sonntagabend
Archivnummer:
Z124696 001; alte Archivnr.: 348-737
Produktionsnummer:
DZ124696001
Teilnehmende:

Person:
, (Sonstige)
Person:
Kundler, HerbertGND (Sprecher(in))
Person:
Grass, GünterGND (Sprecher(in))
Person:
Eifler, Horst (Redaktion)
Anmerkung:
Beitrag "Die Stimme der Kritik" (Schlusswort) von Friedrich Luft fehlt auf CD.

Zitieren

Zitierform:

Kulturelles Wort und Vorträge 1968: Atelier am Sonntagabend. unbekannt .

Rechte

Nutzung und Vervielfältigung:
Alle Rechte vorbehalten

Export