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„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 1772

Kulturarbeit im Ausland : Über die internationale Arbeit der deutschen Kulturinstitute

Eröffnung des ersten deutsche Kulturinstituts in einem Ostblockstaat in Bukarest vor einem Jahr; auf Einladung des "Kuratoriums unteilbares Deutschland" hat Günter Grass in Bonn vor zwei Tagen über seine Erfahrungen mit der kulturellen Auslandsarbeit Bericht erstattet. Stellung von Grass in der (Kultur)politik: - Hilferuf polnischer Dissidenten an Günter Grass, sich für inhaftierte Kollegen einzusetzen - aktive Teilnahme von Grass am SPD-Wahlkampf - Appell von Grass mit Thomas Brasch, Sarah Kirsch und Peter Schneider an Bundeskanzler Schnidt, für den Weltfrieden einzutreten und sich nicht bedingungslos an dem Bündnispartner USA auszurichten; das Manifest haben mitlerweile über 100 Schriftsteller unterzeichnet und hat Debatten ausgelöst; Grass spricht sich in diesem Kontext für eine kritische Loylität zu den USA aus und ist in Auseinandersetzung mit dem Regierungssprecher getreten. Grass zur kutlurellen Auslandsarbeit: als Gast und Mitarbeiter der Goethe-Institute habe er Erfahrungen sammeln können; als positives Beispiel für die Leistungen des Goethe-Instituts nennt Grass seine Indien-Reise in den 70er Jahren: dort sei damals Kleists "Zerbrochener Krug" übersetzt und erfolgreich aufgeführt worden; das Stück, das als ein deutscher Klassiker gelte, sei dort aktuell und treffend gewesen; bei der letzten Reise 1979 seien Veranstaltungen mit Volker Schlöndorff zusammen geplant gewesen (Vorführung des "Blechtrommel"-Films); die Aufführung des Films in Singapur sei jedoch verhindert worden; in Jakarta hingegen sei es dem Engagement des Botschafters und des Goethe-Instituts zu verdanken gewesen, dass der Film dort gezeigt werden konnte; Grass hält es für empfehlenswert, die Distanz zwischen auswärtigem Amt und den Goethe-Instituten zu vergrößern; die Einmischung des auswärtigen Amtes, deren Mitarbeiter oft "strafversetzte Juristen" seien, sei der Kulturarbeit nicht förderlich. Grass zu den Folgen der Kulturarbeit im Inneren: für die Autoren, die zur Kulturarbeit im Ausland beitregen würden, seien die Auslandsreisen gewinnbringend; gerade für junge Schriftsteller, denen für solche Reisen oft die Mittel fehlen würden, sei das Ausbrechen aus der "großkotzigen Enge" ein Gewinn; dort könnten sie ihre provinziellen Probleme mit anderen Problemen konfronieren und ihre eigenen Probleme relativieren. Grass zu Konsequenzen der auswärtigen Kulturarbeit für das Ausland: die Goethe-Institute würden eine Art Entwicklungspolitik leisten; in Dritte-Welt-Ländern seien die Künstler oft isoliert und könnten nur bei Goethe-Instituten ihre Informationen beziehen und untereinander Kontakt aufnehmen; dies sei politisch oft eine prekäre Situation; in Griechenland hätten dadurch während des Obristen-Regimes die Oppositionellen die Möglichkeit gehabt, sich zu informieren und Zuspruch zu finden; derartiges stoße auf Misstrauen des Auswärtigen Amtes, aber es werde sich nicht verhindern lassen, dass sich über Kulturarbeit auch politische Inhalte und "Reizstoff" transportierten. Grass zum nichteinheitlichen Kultur- und Nationenbegriff: Die Schwierigkeiten, Kultur zu definieren, seien im eigenen Land zu suchen; die Deutschen hätten mehrere Versuche unternommen, sich als Nation zu definieren; Ergebnis sei unter anderem die anhaltende Teilung Deutschlands; in beiden Teilen tue man sich schwer, sich als Nation zu verstehen; die deutsche Nachkriegsliteratur mache dazu ein Angebot, sie sei seit drei Jahrzehnten mit diesem Thema beschäftigt und sei davon geprägt; die Nachkriegsliteratur in den beiden deutschen Staaten habe sich zueinander hin entwickelt und somit sei sie das einzige Gesamtdeutsche, das noch Bestand habe; der Nation-Begriff sollte daher von der Kultur abgeleitet werden; die deutsche Kultur sei in ihrer Entwicklung und trotz ihrer Belastungen unteilbar; die Schriftsteller seien die ersten, die unter dem seperatistischen Verständnis von Deutschland zu leiden hätten; in der DDR seien diese Teilungsbestrebungen rigoros (Zensur; Ausbürgerung von Wolf Biermann; Flucht vieler DDR-Autoren in den Westen); in der DDR würden die Schriftsteller überschätzt, in Westdeutschland versuche man, ihnen die "Narrenkappe überzustülpen"; die politische Teilung hätte sich im Kultur dennoch nicht auswirken können, das Gesamtdeutsche und Unteilbare müsse dabei erkannt werden; aus dem Selbstverständnis einer gemeinsamen deutschen Kultur könne man auch im Ausland freier mit der Kulturarbeit umgehen.


Urtitel:
Kulturreport: Günter Grass zur australischen Kulturarbeit
Anfang/Ende:
(Anmoderation) Ein voller Erfolg…Blechtrommelfilm, zu praktizieren.
Genre/Inhalt:
Kultur
Historischer Kontext:

Jüngstes (kultur)politisches Engagement von Günter Grass (auch im Dokument erwähnt): Stellung von Grass in der (Kultur)politik: - Hilferuf polnischer Dissidenten an Günter Grass, sich für inhaftierte Kollegen einzusetzen - aktive Teilnahme von Grass am SPD-Wahlkampf - Appell von Grass mit Thomas Brasch, Sarah Kirsch und Peter Schneider an Bundeskanzler Schnidt, für den Weltfrieden einzutreten und sich nicht bedingungslos an dem Bündnispartner USA auszurichten; das Manifest haben mitlerweile über 100 Schriftsteller unterzeichnet und hat Debatten ausgelöst; Grass spricht sich in diesem Kontext für eine kritische Loylität zu den USA aus und ist in Auseinandersetzung mit dem Regierungssprecher getreten.

Schlagworte:

Person:
Schmidt, HelmutGND; Brasch, ThomasGND; Kirsch, SarahGND; Schneider, PeterGND; Biermann, WolfGND
Werke:
Die Blechtrommel
Sach:
Nachkriegsliteratur; Kulturpolitik; Kulturarbeit; Kulturinstitut; Nation; Kulturnation; Goethe-Institut
Geo:
Griechenland; Bukarest; USA; Singapur; Bonn; DDR; Indien; Kalkutta
Zeit:
1970er Jahre; 1979
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
24.04.1980
Datum Erstsendung:
24.04.1980
Aufnahmeort:
RIAS Berlin
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Analog/Digital:
reformatted digital
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Deutschlandradio (DLR)
Sender / Institution:
Rundfunk im amerikanischen Sektor (RIAS)
Sendereihe:
Kulturreport
Archivnummer:
Z127100003; alte Archivnr.: 550-189
Produktionsnummer:
DZ127100 003
Teilnehmende:

Person:
Wichert, LotharGND (Redaktion)
Person:
Grass, GünterGND (Sprecher(in))
Person:
unbekannt, (Sprecher(in))

Zitieren

Zitierform:

Kulturreport: Günter Grass zur australischen Kulturarbeit. RIAS Berlin .

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