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„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 1791

Kritisches zum geplanten deutsch-deutschen Kulturabkommen : Gespräch mit Günter Grass und Rolf Schneider

Lothar Wichert im Gespräch mit dem DDR-Schriftsteller Rolf Schneider und mit Günter Grass über das geplante deutsch-deutsche Kulturabgkommen. Grass: kritisiert, dass die westdeutschen Kulturinstitutionen wie die Akademie der Künste, deren Präsident Grass ist, zum geplantenn Kulturabkommen nicht gefragt worden seien; Grass zweifelt an der Kompetenz der Beamten, die dieses Abkommen initiiert hätten; das sich abzeichnende Rahmenabkommen will Grass ablehnen; es müsse Gegenseitigkeit herrschen; das geplante Abkommen garantiere bisher nicht, dass jeder westdeutsche Autor ungehindert in die DDR reisen und dort auftreten dürfe; durch das Abkommen werde zudem von westdeutscher Seite her die DDR als "Ausland" verstanden, was man sonst bewusst vermeide; gerade Kulturbereich sei jedoch im Gegensatz zur politischen, wirtschaftlichen und militärischen Teilung bislang ungeteilt und dürfe nicht geteilt werden; die politische Teilung müsse man annehmen aber auch als Anlass nehmen, sich als gemeinsame Kultur zu verstehen; dieses Verständnis könne man auch durch eine Nationalstiftung institutionalisieren; zu befürchten sei, dass man im geplanten Kulturabkommen die streitbaren Aspekte ausklammern würde. Wichert: verweist auf das weitgefasstere Rahmenprogramm, innerhalb dessen der Kulturaustausch befördert werden soll; was hält Schneider davon? Schneider: hält den Abschluss des Kulturabkommens für wichtig und nötig, Einbußen am genauen Wortlaut müsse man in Kauf nehmen; das Kuturabkommen sei ein Politikum, der Inhalt sei von den Interessen der Abkommenspartner unvermeidlich abhängig; konkret will sich Schneider nicht zum Inhalt des Abkommens äußern, vertraut aber auf die Kompetenz von Günter Gaus und Hans-Otto Bräutigam; wichtig sei der von Grass genannte Kulturbegriff, den man verschieden sehen könne; ob die deutsche Kultur unter der 40jährigen Teilung gelitten habe, sei umstritten; es sei durchaus wünschenswert, die Einheit der deutschen Kultur zu erhalten, man könne diese Einheit aber nicht als unumstritten voraussetzen. Grass: der Umgang mit Schriftstellern beider Staaten liefe Gründe zu Befürchtungen; Stefan Heym, mit dem Grass gesprochen hat [vgl. DB 1787 und DB XXXX] teile einige dieser Befürchtungen; Heym sei an Mann mit Lebenserfahrung, der viele Repressionen habe hinnehmen müssen; die Erfahrungen hätten gezeigt, welche Schwierigkeiten beim Kulturaustausch durch Schriftsteller bestehen würden; das geplante Abkommen laufe auf das Machbare und Etablierte hinaus; das Interesse an einer Erweiterung des Etablierten dürfe nicht nachlassen; eine solche Erweiterung sei aber in dem Abkommen nicht vorgesehen. Schneider: fragt Grass, wie sicher er sich ist, dass dies im Abkommen nicht vorgesehen ist; er kenne den Wortlaut nicht so genau wie Grass, individuelle Kontakte zwischen Schriftstellern seien aber seines Wissens ausdrücklich garantiert. Grass: es sei "jämmerlich", dass keine genauen Informationen über das Abkommen öffentlich gemacht worden seien; die Kompetenz von Gaus und Bräutigam sei unstrittig, in einigen Bereichen arbeite man erfolgreich zusammen; unter dem Wort "Kulturabkommen" sei dagegen ein "Brei" zusammengefasst worden; man hätte mit den Betroffenen verhandeln müssen. Schneider: es sei offensichtlich versäumt worden, mit den Betroffenen zu verhandeln und sie genau zu informieren; es sei jedoch zu bedenken, das Kulturabkommen grundsätzlich die "Vorzeigekünstler" in den Mittelpunkt stellen würden; Schneider stellt die Frage, ob man von dem Abkommen abhängig sei oder ab es andere Möglichkeiten der Kommunikation gebe, die z.T. auch bereits jetzt schon genutzt würden. Grass: befürchtet, dass dies nur noch im Rahmen des Kulturabkommens möglich sein wird; die DDR nutze das Abkommen schon jetzt als ein Druckmittel. Schneider: verweist noch einmal auf die bereits bestehenden Kontakte. Grass: verweist auf die bildende Kunst: für Ausstellung müsse man in die Ateliers der Künstler hineingehen; das Kulturabkommen müsse sicherstellen, dass Künstler frei für Ausstellungen und Veranstaltungen ausgesucht und eingeladen werden dürfen; dies müsse im Abkommen festgeschrieben werden. Wichert: Ausschluss von DDR-Künstlern, die nicht in den entsprechenden Kulturverbänden vertreten sind, und Ausschluss von kritischen westdeutschen Autoren. Grass: … muss verhindert werden. Schneider: hält dies für nicht praktikabel; man könne nicht durch das Abkommen in die Belange des jeweils anderen Staates eingreifen. Grass: wenn die DDR die Ein- und Ausreise der entsprechenden Künstler verhindere, bestehe kein Gleichgewicht. Schneider: fragt erneut, ob der Wortlaut des Abkommens dies nicht berücksichtige. Grass: eine Garantie dafür bestehe nach dem Wortlaut des Abkommens nicht. Wichert: ein CDU-Politiker hat im Bundestag gefordert, dass auch nichtkonforme Künstler im Kulturabkommen bedacht werden müssten, und dass der Vertragstext in dieser Hinsicht eindeutig sein müsse. Schneider: Kann über den genauen Text nur mutmaßen, ist sich aber sicher, dass an solche Fälle gedacht wurde. Grass: Das Abkommen könne nicht verhindert werden, aber man könne darauf hinweisen, dass es darin jetzt schon Lücken gebe, die "schreckliche Folgen" haben könnten.


Urtitel:
Zu den deutsch-deutschen Kulturverhandlungen. Gespräch mit Günter Grass und Rolf Schneider
Anfang/Ende:
(Anmoderation) Das deutsch-deutsche Kulturabkommen…geplante deutsch-deutsche Kulturabkommen. (Abmoderation)
Genre/Inhalt:
Kultur
Historischer Kontext:

Bemühungen um deutsch-deutsche Verständigung im Rahmen eines gesamtdeutschen Kulturabkommens, das im November 1985 unterzeichnet werden soll. Grass spricht sich gegen dieses Kulturabkommen aus, da er darin Politik und Kultur auseinanderdriften sieht; statt dessen verweist er in diesen Wochen immer wieder auf den Begriff der "Kulturnation" und plädiert für eine "gemeinsam getragene Nationalstiftung" (FAZ, 22.10.1985). Zur Debatte vgl. auch Zimmermann: Günter Grass unter den Deutschen, S. 432f.

Schlagworte:

Person:
Gaus, GünterGND; Bräutigam, Hans-OttoGND
Sach:
Nationalstiftung; Teilung; Kulturaustausch; Akademie der Künste Berlin; Ausreise; Kulturabkommen
Geo:
BRD; DDR
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
03.10.1985
Aufnahmeort:
RIAS Berlin
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Stereo
Original:

Analog/Digital:
reformatted digital
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Deutschlandradio (DLR)
Sender / Institution:
Rundfunk im amerikanischen Sektor (RIAS)
Sendereihe:
RIAS aktuell - Die Spätausgabe
Archivnummer:
Z 263571 000, alte Archivnr.: 641 726
Produktionsnummer:
DZ263571000
Teilnehmende:

Person:
Wichert, LotharGND (Sprecher(in))
Person:
Schneider, RolfGND (Sprecher(in))
Person:
Grass, GünterGND (Sprecher(in))
Person:
Wichert, LotharGND (Redaktion)

Zitieren

Zitierform:

Zu den deutsch-deutschen Kulturverhandlungen. Gespräch mit Günter Grass und Rolf Schneider. RIAS Berlin .

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