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„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 1792

Günter Grass in Budapest über seine Idee einer gesamteuropäischen Kulturstiftung

Interview mit Günter Grass nach seiner Teilnahme an der Sitzung der Literatur-Sektion auf dem Budapester KSZE-Kulturforum Frage: Ergebnisse des Kulturforums? Grass: Das Auftreten der Künstler zeige, dass die KSZE-Bemühungen seit 1975 erfolgreich seien; die KSZE habe Ost-West-Krisen überstanden und werde vor allem von den kleinen europäischen Ländern getragen; Grass' eigener Vorschlag sei von der deutschen Regierungsseite ernst genommen worden, der deutsche Botschafter habe den Vorschlag nach Bonn weitergereicht. Frage: Grass hat eine gesamteuropäische Kulturstiftung vorgeschlagen, auch seine Idee einer Nationalstiftung ist bekannt; stellt Grass' neuer Vorschlag eine Ausweitung auf Europa dar? Grass: In Deutschland spiegele sich im Kleinen wider, was in Europa passiert sei: Teilung Deutschlands bzw. des Kontinents; die Vereinbarungen von Jalta und Potsdam hätten zum gegenwärtigen Status geführt; die Teilung Deutschlands bzw. Europas sei nicht aufzuheben, man müsse damit leben; daher müsse man Möglichkeiten finden, im kulturellen Bereich die politische Teilung zu überbrücken; die Kultur habe sich als am widerstandsfähigsten erwiesen; da man in Europa die kulturellen Gemeinsamkeiten inzwischen erkenne, müsse man diese Chance nutzen; dies könne auch eine Möglichkeit für die Politik eröffnen, über die Kultur ins Gespräch miteinander zu kommen. Frage: Was kann eine europäische Kulturstiftung konkret praktisch leisten? Grass: Seit der Schlussakte von Helsinki und in den KSZE-Nachfolgekonferenzen seien viele Vorschläge gemacht worden (Ausstellungen, Übersetzungen etc.); die Vorschläge bedürften eines Dachverbandes, damit sie nicht an nationalen Stellen hängen blieben; eine gesamteuropäische Kulturstiftung mit Sitz in Budapest könnte diese Rolle übernehmen; Grass befürwortet auch die Schaffung eines gesamteuropäischen Fernsehsenders; die Arroganz der westeurpäischen Staaten habe dazu geführt, den Europa-Begriff für sich zu beanspruchen; in Mitteleuropa (Tschechoslowakei; Ungarn) werde diese Anmaßung als peinlich empfunden; die Mitte Europas liege in Prag und Budapest. Frage: Hinweis darauf, dass der KSZE-Gedanken in Osteuropa positiv augenommen wurde? Grass: bestätigt dies; er habe mit ungarischen und polnischen Teilnehmern der Konferenz gesprochen, die es als Chance verstehen würden, ihre Zugehörigkeit zu Europa zu zeigen; überspitzt gesagt müsse man auch die Sowjetunion "in die europäische Pflicht nehmen"; die Sowjetunion werde wie ein asiatischer Staat behandelt; die deutsche Literatur stehe in einer stärkeren Beziehung zur russischen Literatur als zur französischen. Frage: Tragweite größer als nur "ein Anstoß für Politiker"? Grass: da die politische Teilung unverrückbar sei, bestehe hier die Möglichkeit, eine gesamteuropäische Organisation zu schaffen, die nicht zum "Zankapfel" des Ost-West-Unterschiedes werden müsse; in einem Stiftungskuratorium hätten die Politiker zwar Mitsprache; derzeit besteht eine Ein-Drittel-Parität (ein Drittel jeweils Ostblock-Staaten, westliche Staaten und neutrale Staaten), was Grass als günstig ansieht; die Künstler könnten zwar das Wettrüsten der Blöcke nicht aufhalten, könnten aber deutlich machen, dass die Künste auf friedliche Weise grenzüberschreitend seien.


Urtitel:
Gespräch mit Günter Grass über seine beim Budapester KSZE-Kulturforum vorgestellte Idee einer ''Gesamteuropäischen Kulturstiftung''
Anfang/Ende:
KSZE-Kulturforum in Budapest…Weise grenzüberschreitend sind.
Genre/Inhalt:
Kultur
Historischer Kontext:

Die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) war eine Folge von blockübergreifenden Konferenzen der europäischen Staaten zur Zeit des Ost-West-Konfliktes. Die erste Konferenz fand vor allem auf Initiative des Warschauer Paktes ab dem 3. Juli 1973 in Helsinki statt. Teilnehmer waren 35 Staaten: die USA, Kanada, die Sowjetunion und alle europäischen Staaten mit Ausnahme von Albanien.

Schlagworte:

Sach:
KSZE; Nationalstiftung; Kulturstiftung; Kultur
Geo:
Sowjetunion; Osteuropa; Europa; Mitteleuropa; Jalta; Helsinki; Potsdam; Westeuropa; Polen; Ungarn; Budapest; Tschechoslowakei; DDR
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
07.11.1985
Datum Erstsendung:
07.11.1985
Aufnahmeort:
RIAS Berlin
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Stereo
Original:

Analog/Digital:
reformatted digital
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Deutschlandradio (DLR)
Sender / Institution:
Rundfunk im amerikanischen Sektor (RIAS)
Sendereihe:
Kultur auf EINS: Kunst und Gesellschaft
Archivnummer:
Z12832000, alte Archivnr.: 641 726
Produktionsnummer:
DZ12832000,
Teilnehmende:

Person:
Wichert, LotharGND (Redaktion)
Person:
Grass, GünterGND (Sprecher(in))
Person:
unbekannt, (Interviewpartner)

Zitieren

Zitierform:

Gespräch mit Günter Grass über seine beim Budapester KSZE-Kulturforum vorgestellte Idee einer ''Gesamteuropäischen Kulturstiftung''. RIAS Berlin .

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