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„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 1794

Die politische Müdigkeit der Intellektuellen : Günter Grass und Wolf Scheller im Gespräch

Grass: Nicht nur die politische, sondern auch die intellektuelle Situation in Deutschland sei "müde"; das Feuilleton verliere sich in "postmodernen Allgemeinheiten". Scheller: Wird eine Legitimitätskrise der Intellektuellen sichtbar? Grass: Selbstaufgabe der intellektuellen Position; einige hätten Rudi Dutschkes Wort vom "Marsch durch die Institutionen" sehr wörtlich genommen. Säßen inzwischen in behäbigen Positionen und hätten ihre ursprünglichen Ideale offenbar verdrängt; es gebe allerdings auch Gegenkräfte in der jungen Generation; es sei bewunderswert, wie es die Grünen geschafft hätten, in kurzer Zeit von einer Protestbewegung zu einer Partei zu werden, die sich durch Fleiß, Kenntnis und Engagement etabliert hätte; die Grünen seien nicht nur parlaments- sondern auch koalitionsfähig; es sei ein Fehler der SPD, vor allem in Person von Johannes Rau, auf die Grünen verzichten zu wollen; die SPD brauche einen Koalitionspartner. [Musik] Grass: Wer sich aus dem Bereich der Literatur heraus politisch engagiere, müsse mit Gegenstimmen rechnen und diese sogar provozieren; eine öffentliche Auseinandersetzung sei gut und fehle oft; deprimierend sei vor allem, dass die Gesellschaft die offenen Gefahren nicht mehr diskutiere; es herrschten ein Konsenklima und ein Denkverbot; alles, was über die Tagespolitik hinausgehe, werde als Utopie dargestellt; die Versuche, die Entstehung der beiden deutschen Staaten zu rekapitulieren, würden so schon im Keim erstickt werden; es bestehe keine Bereitschaft, die großen Militärbündnisse NATO und Warschauer Pakt grundsätzlich zu überdenken; deartige Vorschläge würden als Verrat verketzert; Heiner Geißler sei hier ein großer Demagoge, seine Stimme gehöre "zum guten Ton"; es sei verlogen, dass Geißler, der Heinrich Böll jahrelang diffamiert habe, nach dessen Tod auch noch einen Nachruf auf Böll zu liefern; die wahren Probleme würden dagegen nicht mehr diskutiert werden. Frage: Stellt man sich den Problemen nicht? Grass: stimmt zu; bereits vor der Austragung eines Streites werde schon ein Kompromiss gesucht. Frage: Ist Grass verbittert? Grass: "In gewissem Sinne schon"


Urtitel:
Kultur auf Eins - Literatur
Anfang/Ende:
(Musik) Es ist nicht… gewissen Sinne schon. (Musik)
Genre/Inhalt:
Politik
Schlagworte:

Person:
Böll, HeinrichGND; Geißler, HeinerGND; Dutschke, RudiGND; Rau, JohannesGND
Sach:
SPD; Die Grünen; Warschauer Pakt; Intellektueller; NATO
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
09.06.1986
Datum Erstsendung:
03.11.2011
Aufnahmeort:
RIAS Berlin
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Stereo
Original:

Analog/Digital:
reformatted digital
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Deutschlandradio (DLR)
Sender / Institution:
Rundfunk im amerikanischen Sektor (RIAS)
Sendereihe:
Kultur auf Eins - Literatur
Archivnummer:
Z130609 000, alte Archivnr.:647-254
Produktionsnummer:
DZ Z130609 000
Teilnehmende:

Person:
Grass, GünterGND (Sprecher(in))
Person:
Scheller, Wolf (Interviewpartner)
Person:
Stiller, Klaus (Redaktion)
Anmerkung:
Beitrag enthält Musik (Akustikgitarre; Wolf Biermann?)

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Zitierform:

Kultur auf Eins - Literatur. RIAS Berlin .

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