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„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 1892

Streitgespräch über die Änderung des Asylparagraphen Grass - Engholm : Vollständiges Gespräch

Semler, Ulrich GND

Frage: Björn Engholm hat anlässlich des 65. Geburtstages von Grass verlauten lassen, dass Politiker dringend angewiesen seien auf den "utopischen Rat der schreibenden Hofnarren"; wo sieht Grass Bedarf für utopische Ratschläge? Grass: Er selber müsse dazu nicht aufgefordert werden; seit er schreibe, sei er an Gesellschaft interessiert und auf sie angewiesen; den deutschen Einheitsprozess habe er seit den 1960er Jahren begleitet, die tatsächliche Deutsche Einheit schließlich mit kritischen Bemerkungen; sein Einspruch, mit dem er nicht alleine gewesen sei (Jürgen Habermas, Walter Jens) sei jedoch nicht gehört worden; es sei gut, dass dies jetzt wieder aufgegriffen werde und dass wieder Gespräche wie mit Willy Brandt in den 1960er Jahren möglich seien; vor dem Wort "Utopie" warne er aber, da die gängigen Utopien aus dem 19. Jahrhundert vor der Wirklichkeit versagt hätten; Zukunft sei kein unbeschriebenes Blatt mehr, sondern mit negativen Entwicklungen vollgeschrieben. Frage: Engholm fordert einerseits Utopien von Grass, andererseits die "Behutsamkeit der Schnecke"; letztere könnte, so Engholm, mehr Zukunft haben als die radikaldemokratischen Gegenpositionen von Grass. Besteht hier ein Gegensatz? Engholm: ist gegenüber dem Begriff "Utopia" nicht so skeptisch; Utopia sei das nicht Bekannte, das man sich aber erhoffen oder wünschen könne; auf dem Weg zu diesem fernen Utopia müsse man sich langsam bewegen, um möglichst viele Menschen dorthin mitzunehmen; anknüpfend an Willy Brandt, müsse man bei großen Zielen kleine Schritte machen; mit der Geschwindigkeit einer Schnecke müsse man sich daher abfinden; die Schnecke habe aber immerhin den Vorteil, dass sie sich bewege. Grass: Die Schnecke habe mitlerweile überholt… Engholm: Im Prozess des "Aufbau Ost" sei die Schnecke sogar ein D-Zug. Grass: In der Realität sei dies nicht so; mit dieser Realität müsse man sich ausienandersetzen angesichts der gescheiterten Deutschen Einheit, die zu einer neuen Teilung geführt habe, angesichts der Umweltzerstörung und der Verelendung in der Dritten Welt; es gebe nahezu keine Gegenreaktionen; in den 1960er/1970er-Jahren habe er gesagt, der Fortschritt sei eine Schnecke, da die junge Generation damals davon ausgegangen sei, einen "Sprung" schaffen zu können; heute sei er sich über seine eigene Prognose nicht mehr sicher, da die Schnecke davongeeilt sei; die Gesellschaft bewege sich, die Politik betreibe Stillstand; vor drei Jahren habe es eine große Beschleunigung gegeben.


Urtitel:
Björn, Hände weg vom Asylrecht. Streitgespräch zwischen Björn Engholm und Günter Grass
Anfang/Ende:
(Anmoderation) Guten Abend liebe…ja nachdenklichen Abend. (Abmoderation)
Genre/Inhalt:
Politik
Historischer Kontext:

Das Gespräch findet wenige Tage vor dem Bundesparteitag der SPD statt, auf dem der Parteivorsitzende Björn Engholm eine Mehrheit für seine neue Asylpolitik finden will; Grass, langjähriger Freund von Engholm, lehnt diese Asylpolitik vehement ab.

Schlagworte:

Sach:
Deutsche Einheit; Utopie; Asylpolitik
Zeit:
1960er Jahre; 19. Jahrhundert; 1960er Jahre
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
03.11.1992
Aufnahmeort:
Behlendorf
Sprachen:
deutsch
Original:

Analog/Digital:
born digital
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Datenformat Sichtung:
MPEG 1
Datenformat Archiv:
AVI
Herkunft:

Sender / Institution:
Norddeutscher Rundfunk (NDR)
Sender / Institution:
NDR: Kiel
Archivnummer:
0007539631
Produktionsnummer:
00010000122
Teilnehmende:

Person:
Grass, GünterGND (Sprecher(in))
Person:
Engholm, BjörnGND (Sprecher(in))
Person:
Semler, UlrichGND (Redaktion)
Person:
Semler, UlrichGND (Autor(in))

Zitieren

Zitierform:

Semler, Ulrich: Björn, Hände weg vom Asylrecht. Streitgespräch zwischen Björn Engholm und Günter Grass. Behlendorf .

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