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„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 1924

Interview zum 75. Geburtstag über das eigene Wirken

Günter Grass feiert seinen 75. Geburtstag in Göttingen Interview mit Grass: Frage: Grass hat sich oft eingemischt, er ist ein Querulant… Grass (unterbricht): Dies werde behauptet, er habe dies aber selbst nicht so empfunden; das "Dreinreden" sei eine Selbstverständlichkeit; die Lehre aus der Weimarer Republik sei, dass Demokratie nur Bestand haben könne, wenn es Bürger gebe, die sich engagieren, u.a. auch ein kritisches Verhältnis zu ihr haben; die Bürgerpflicht dürfe nicht darauf beschränkt bleiben, alle vier Jahre wählen zu gehen; nach dem Krieg habe man "Demokratie lernen" müssen, dafür hätten im Westen die Siegermächte gesorgt; diese Lektionen habe man gelernt; Frage: Gegenüber Politikern ist Grass oft als Mahner aufgetreten; Politiker suchen zwar Kontakt zu Grass, hören aber nicht immer auf ihn; frustriert Grass dies? Grass: Politiker würden allgemein nicht sehr gut zuhören können; Ausnahmen: Willy Brandt, Gustav Heinemann; auch Gerhard Schröder habe das Zuhören offenbar von Brandt gelernt; Frage: Grass hat versucht, in seinem Werk die Beeinflussung durch die nationalsozialistische Ideologie zu verarbeiten; hat Grass dadurch seine Schuld bzw. sein Schuldgefühl überwinden können? Grass: Es gehe nicht nur um Schuld, er habe das Glück gehabt, zu jung gewesen zu sein; es gebe aber eine Last der Verantwortung, die weitergegeben werden müsse; seine Kinder und zahlreichen Enkelkinder seien zwar ohne Schuld aufgewachsen, stünden aber dennoch in einer Verantwortung; dies versuche er zu vermitteln; Literatur sei "die Obsession, über etwas schreiben zu müssen" (Beispiel u.a. Salman Rushdie), das man verloren habe (z.B. Heimat Danzig bzw. Bombay); ein weiterer Antrieb zum Schreiben sei die "schnurrende Katze Erinnerung"; die Erinnerung sei auch vergleichbar mit dem Häuten einer Zwiebel; daraus würden lange und einsame Arbeitsperioden resultieren; für diese selbstgewählte Einsamkeit habe er in den letzten Jahren kämpfen müssen, da er viele äußere Verpflichtungen habe; er begebe sich dann in Schreibklausur und werde von seiner Frau abgeschirmt; Frage: Grass ist aber auch ein Familienmensch… Grass: bestätigt; er interessiere sich für die Vorgänge in seiner Familie und sei neugierig in Bezug auf die Sprache der Kinder und Enkelkinder; Frage: An was arbeitet Grass zur Zeit? Grass: Hat nach Abschluss von "Im Krebsgang" die Disziplin gewechselt und ist zur Bildhauerei zurückgekehrt; zur Zeit Arbeiten mit Ton/Terracotta; als Thema habe er dieses Mal etwas Leichtes gewählt: tanzende Paare; Frage: Ist Tanzen wichtig für Grass? Grass: bejaht; er tanze seit seiner Kindheit bis zum heutigen Tag sehr gerne; Frage: Warum ist Tanzen wichtig für Grass? Grass: ist nach dem Krieg mit Dixie-Land-Musik aufgewachsen; dem Rhythmus-Gefühl müsse man nachgeben, besonders im Verhältnis zu einer anderen Person im Paartanz; Frage: Was schmerzt Grass an der Situation in Deutschland heute am meisten? Grass: Den Terrorismus mit Krieg bekämpfen zu können sei ein großer Irrtum; statt dessen müsse man die Ursachen suchen, die in den Enttäuschungen der Länder der Dritten Welt liegen würden; aus diesen Entttäuschungen seine Wut und Hass und letztlich der Terrorismus entstanden; verbessern müsse man also die Lage in den sogenannten unterentwickelten Ländern; nur dadurch könne man den Terrorismus bekämpfen. ____ Kurzer Einspieler: Grass mit Ulrich Wickert und Gerhard Steidl auf der Bühne im Göttinger Deutschen Theater ____ Grass: freut sich über die Anteilnahme; ihm selbst bereite das Alter Freude und Gewinn; man sehe im Alter die Dinge anders und genauer. Frage: Auf was freut Grass sich in den nächsten Jahren? Grass: Neugier auf die Entwicklungen bei den Enkelkindern und der selbstgewählten Einsamkeit nachzugehen; Frage: Wird Grass bald wieder schreiben? Grass: Es würden sich jetzt schon einige Wörter bilden; wahrscheinlich werde er zuerst wieder Gedichte schreiben.


Urtitel:
Hallo [Hallo Niedersachsen] 18:35. Im Gespräch: Gespräch mit Günter Grass
Anfang/Ende:
Zwei fröhliche Dichter…sagen. Nicht sagen.
Genre/Inhalt:
Biographie
Historischer Kontext:

Günter Grass wird 75 Jahre alt

Schlagworte:

Person:
Brandt, WillyGND; Heinemann, GustavGND; Schröder, GerhardGND; Rushdie, SalmanGND
Werke:
Im Krebsgang
Sach:
Schuld; Demokratie; Terrorismus; Zwiebel; Familie; Verantwortung; Geburtstag; Terrakotta; Weimarer Republik
Geo:
Danzig; Bombay
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
30.10.2002
Aufnahmeort:
Göttingen
Sprachen:
deutsch
Original:

Analog/Digital:
born digital
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Datenformat Sichtung:
MPEG 1
Datenformat Archiv:
AVI
Herkunft:

Sender / Institution:
Norddeutscher Rundfunk (NDR)
Sendereihe:
hallo 18:35
Archivnummer:
2330920210
Teilnehmende:

Person:
Grass, GünterGND (Sprecher(in))
Person:
Legatis, HannaGND (Interviewpartner)
Person:
Schulz, WilfriedGND (Redaktion)
Person:
Schröder, GerhardGND (Mitwirkende(r))
Person:
Rühmkorf, PeterGND (Mitwirkende(r))
Anmerkung:
Ausschnitt: 00:00:18

Zitieren

Zitierform:

Hallo [Hallo Niedersachsen] 18:35. Im Gespräch: Gespräch mit Günter Grass. Göttingen .

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