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„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 2005

Schriftsteller und ihre poltitische Betätigung : Über die poltische Wirkung von Literatur

Rudolf Augstein zu Gast im literarischen Kaffeehaus bei Hans Mayer und Marcel Reich-Ranicki Rudolf Augstein ist als Literaturkritiker in Erscheinung getreten, hat u.a. eine "recht kräftige Analyse" (Reich-Ranicki) zum Drama "Die Plebejer proben den Aufstand" von Günter Grass im "Spiegel" veröffentlicht; sein Hauptgebiet ist aber die politische Publizistik. Gesprächsverlauf: - politische Betätigung von Schriftstellern; - Beispiele für unterschiedliche Arten der politischen Betätigung: Günter Grass, Heinrich Böll, Peter Weiss, Rolf Hochhut; - Bölls Kritik an Konrad Adenauer; - politische Literatur vs. Politische Wirksamkeit; - "wesentliche politische Elemente" (Reich-Ranicki) in "Hundejahre" und "Die Plebejer proben den Aufstand"; - politisch-literarische Mischformen in der Lyrik von Grass und Weiss; - Augstein: begrüßt die direkte Hinwendung von Grass zur Politik; die Art der Hinwendung erscheine aber manchmal etwas unpolitisch; Grass habe für alle deutschen Schriftsteller etwas Beispielhaftes und Gutes geleistet; die SPD habe dadurch aber wohl keine Stimmen gewonnen; für den Zusammenhang zwischen Geist und Macht sei das Engagement von Grass sehr hoch einzuschätzen; in Darmstadt [Verleihung des Büchner-Preises 1965] habe Grass dann sein Engagement dubioserweise als etwas Absolutes dargestellt; dies sei unzulässig und auch unpolitisch; - Mayer: Die Rede sei eine Büchner-Rede gewesen (Büchner als Prototyp des politischen Engagements von Schriftstellern); Grass habe sich bewusst als schlechter Verlierer darstellt, der keine Harmonisierung wolle; Grass habe eine politische Linie angekündigt, die er dann durchgezogen habe (Stichwort Große Koalition); - Augstein: nach einer verlorenen Wahl hätte man trotzdem dem Sieger gratulieren können ohne sich mit ihm politisch gemein machen zu müssen; zum Zeitpunkt der Rede habe Grass noch nicht wissen können, dass die SPD eine Große Koalition eingehen würde; man könne aber den Zeitpunkt die die SPD-Unterstützung generell hinterfragen; - Reich-Ranicki: Schon nach der ersten politischen Rede ["Des Kaisers neue Kleider"; diese Rede ist allerdings nicht die erste Rede im Wahlkampf 1965 gewesen, sondern die Rede "Es steht zur Wahl"] von Grass im Rahmen dieser Wahlkampagne habe sich die SPD öffentlich von Grass distanziert; in der Rede habe Grass einerseits die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze gefördert, andererseits die Abschaffung des Abtreibungsparagraphen §218; in beiden Fällen habe die SPD herausgestellt, dass es sich um die privaten Ansichten von Günter Grass handele; als SPD-Redner sei Grass dadurch kompromittiert gewesen; - Augstein: Grass habe erst dann seine "Zwitterstellung" akzeptiert und nicht verlangt, dass die SPD seine Worte honoriere; Grass' Handeln sei zulässig und richtig, obwohl man am Inhalt der Wahlreden viel aussetzen könne; auch für Grass selbst seien diese Erfahrungen besonders wichtig, auch wenn sie ohne Nutzen für die SPD geblieben seien - Reich-Ranicki: Als Schriftsteller könne Grass aus sämtlichen Erfahrungen Nutzen ziehen; der Nutzen für die Literatur sei weniger wichtiger als der Nutzen für die Politik - Mayer: unmittelbar habe die Politik überhaupt keinen Nutzen davon; das allgemeine politische Klima profitiere aber davon, wenn Grass, Böll u.a. sich irgendwie aktiv engagieren; Grass' Enttäuschung über die Große Koalition müsse ihren Ursprung in einer "gewissen Naivität" haben; der Nutzen dieses Engagement für die Literatur müsse aber hinterfragt werden; politisches Engagement von Schriftstellern sei indes nichts Neues: in der Zeit des 1. Weltkrieges und des Nachkriegs-Expressionismus habe es dieses Engagement auch gegeben; die Emigrationsliteratur zwischen 1933 und 1945 sei klar auf ein Ziel ausgerichtet gewesen: den Sturz Hitlers; Frage an Augstein, was er von der Emigrantenliteratur kannte, dessen Paradebeispiel Thomas Mann sei - Augstein: Mann sei ihm immer nur als Autor der "Buddenbrooks" erschienen; man habe in seiner Familie aber auch die Rundfunkansprachen gehört und Mann sei so als "Radioagitator" in das Bewusstsein gerückt; den "Zauberberg" habe er erst nach dem Krieg kennengelernt; ein Lehrer habe es sich aufgrund seines Parteiabzeichens leisten können, Brecht im Unterricht zu behandeln


Urtitel:
Im literarischen Kaffeehaus: Rudolf Augstein im Gespräch mit Marcel Reich-Ranicki und Hans Mayer
Anfang/Ende:
Zum vierunddreißigsten Mal…glücklicherweise offen geblieben.
Genre/Inhalt:
Literaturkritik
Schlagworte:

Person:
Böll, HeinrichGND; Weiss, PeterGND; Hochhuth, RolfGND; Adenauer, KonradGND; Mann, ThomasGND; Brecht, BertoltGND
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
18.01.1968
Datum Erstsendung:
14.02.1968
Aufnahmeort:
Hamburg
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Analog/Digital:
reformatted digital
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Norddeutscher Rundfunk (NDR)
Sendereihe:
Das literarische Kaffeehaus
Archivnummer:
6904034000 Tonträgeverweis: W200714
Produktionsnummer:
0
Teilnehmende:

Person:
Reich-Ranicki, MarcelGND (Interviewpartner)
Person:
Mayer, Hans (Interviewpartner)
Person:
Augstein, Rudolf (Sprecher(in))
Person:
Gneuß, ChristianGND (Redaktion)

Zitieren

Zitierform:

Im literarischen Kaffeehaus: Rudolf Augstein im Gespräch mit Marcel Reich-Ranicki und Hans Mayer. Hamburg .

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