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„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 2009

Kosumbewußtsein und Steuerreformen für eine zeitgemäße Entwicklungspolitk

Frage: Grass hat SPD und FDP aufgefordert, in Fragen der Entwicklungspolitik ein "modellhaftes Zeichen zu setzen" - was meint er damit? Grass: Es sei bekannt, dass Entwicklungspolitik in weiten Bevölkerungsteilen unpopulär sei; es sei jedoch bekannt, dass die Hälfte der Menschheit an Unterernährung leide; es gebe den Club of Rome, der sich damit auseinandersetze, und entsprechende Berichte; in Deutschland habe man die Möglichkeit, im Haushalt einen größeren Posten für Entwicklungspolitik einzusetzen; dazu müsse dem einzelnen Bürger aber bewusster werden, dass der Luxus der Industrienationen nur durch die Armut der Dritten Welt möglich sei; es müsse eine neue Luxussteuer eingeführt werden auf bestimmte Produkte, dieses Geld solle der Entwicklungshilfe zukommen; auch ein Teil der Kirchensteuer müsse festgelegt für Entwicklungshilfe verwendet werden; die Kirchen würden zwar viel tun, aber es reiche noch nicht aus. Frage: Außenminister Genscher unterstützt die Forderung, dass der Etat für Entwicklungshilfe aufgestockt werden muss; bei Grass' Forderung nach Luxussteuer würde die Bevölkerung aber vermutlich zusammenzucken… Grass: "Das soll sie auch"; das Problem dürfe nicht nur als Staatsangelegenheit behandelt werden; die Menschen müssten daran erinnert werden, dass Rohstoffe wie Kakao oder Kaffee aus Entwicklungsländern kommen und die Gewinne den reichen Ländern zufließen. Frage: Reizwörter wie "Steuer" könnten beim Thema der Entwicklungshilfe die Vorurteile noch verschärfen - sieht Grass diese Gefahr auch? Grass: Die Bevölkerung müsse sich fragen, ob sie noch eine Kulturnation sei, die weltweite Probleme wahrnehme; wenn man nur noch eine Konsumgesellschaft sei, müsse man alle Begriffe streichen, die mit Humanität zu tun hätten; jeder einzelne müsse nicht nur in die Pflicht genommen werden, sondern auch den Sinn einer solchen Steuer verstehen. Frage: Die Tendenz geht zur Konsumnation - muss nicht eine behutsamere Strategie gewählt werden, um Entwicklungshilfe zu fordern? Grass: Um einer Konsumgesellschaft entgegenzusteuern müsse man überdeutlich werden, denn die Gesellschaft sei auch eine "Gesellschaft von Schwerhörigen"; auch die Kirchen würden zu diesen "Schwerhörigen" gehören; man solle die Hälfte aller Kirchen schließen und mit den freiwerdenden Mitteln Entwicklungspolitik fördern.


Urtitel:
Interview mit Günter Grass zum Problem der Entwicklungshilfe
Anfang/Ende:
Gestern erst hat…was passiert. Wiederhörn.
Genre/Inhalt:
Politik
Schlagworte:

Person:
Schmidt, HelmutGND; Bahr, EgonGND; Genscher, Hans-DietrichGND
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
11.11.1976
Datum Erstsendung:
11.11.1976
Aufnahmeort:
Berlin; Hamburg
Sprachen:
deutsch
Original:

Analog/Digital:
reformatted digital
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Norddeutscher Rundfunk (NDR)
Sendereihe:
Kurier am Mittag
Archivnummer:
F81289700 Tontr.verw. UB7734000
Produktionsnummer:
DUB07734
Teilnehmende:

Person:
Nadolny, Henning (Redaktion)
Person:
Nadolny, Henning (Interviewpartner)
Person:
Grass, GünterGND (Sprecher(in))

Zitieren

Zitierform:

Interview mit Günter Grass zum Problem der Entwicklungshilfe. Berlin; Hamburg .

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