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„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 2019

Oskar Matzerath psychoanalytisch interpretiert

Müller-Dyes, Klaus GND

Ausführliche Analyse der Figur Oskar Matzeraths aus der "Blechtrommel" mit zahlreichen Romanzitaten Grass erinnert sich in einem Zeitungsartikel ["Rückblick auf die Blechtrommel - oder Der Autor als fragwürdiger Zeuge. Ein Versuch in eigener Sache.", Süddeutsche Zeitung, 12.1.1974; auch Beitrag zur WDR-Sendereihe "Wie ich anfing" am 16.12.1973] an Vorgeschichte und Entstehung der "Blechtrommel"; die von Grass darin angesprochene, ursprüngliche Idee von Oskar Matzerath als Säulenheiligem bleibt trotz Neukonzeption der Figur auch in der endgültigen Fassung der "Blechtrommel" vorhanden; Oskar übernimmt so die Doppelfunktion des Dreijährigen und des Allwissenden; die Figur der "Schwarzen Köchin" stellt die Interpreten vor Rätsel; Oskar zeigt im vorgeburtlichen Zustand Anzeichen des primären Narzissmus (nach Freud); Rückzug in den Mutterleib und Trommeln sind nach der Geburt die einzigen denkbaren Möglichkeiten für Oskar; Oskars Mutter versagt in ihrer Spiegelfunktion, beschafft aber Oskars Bestätigungsobjekt, die Blechtrommel; sie wird Oskar zum Instrument der Kompensation seiner tatsächlichen Ohnmacht; ohne Trommel ist Oskars Existenz dagegen in Gefahr; die Trommel wird Ausdruck seiner künstlerischen Imagination, Oskar ist somit ein Künstler und "Die Blechtrommel" ingesamt ein Künstlerroman; er zeigt darüber hinaus einen "Objektzwang"; Oskars Fähigkeit Glas zu zersingen ist Ausdruck einer narzistischen Wut, die sich zunächst gegen Angreifer wendet, später auch gegen Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft; hinter allem steht jedoch der Wunsch nach Regression, nach Rückkehr in den Mutterleib (vgl. Röcke der Großmutter, höhlenartige Verstecke Oskars); die Mutter steht für geschlechtslose Unschuld (vgl. Agnes von lat. Agnus: das Lamm); Oskar hat demgemäß das Bild von seiner unverheirateten Mutter als Krankenschwester verinnerlicht; die Erwachsenenwelt hat nicht Angst vor den Fähigkeiten Oskars, sondern von den Resultaten dieser Fähigkeiten; dies ist Resultat dessen, dass in der Erwachsenenwelt die Dinge über den Menschen stehen; Freud charakterisiert dieses Phänomen u.a. als Zeichen religiösen Wahns und anderer massenpsychologischer Prozesse; von Wilhelm Reich wurden diese Phänomene in den sozialen Bereich, konkret in das faschistische Massenwirken übertragen; insbesondere das Kleinbürgertum projiziert dabei seine Ohnmacht in Dinge und Personen, die als Ersatz für unerreichte Ideale stehen; dieser "psychische Infantilismus" (Freud) wird u.a. im Verhältnis von Oskars Mutter zur katholischen Kirche deutlich; bei Freud/Reich stehen Religion und die Massenbildungen in der Neuzeit in enger Beziehung, und "Die Blechtrommel" veranschaulicht genau dies; Oskar hingegen zeigt eine grundsätzliche Skepsis allen Autoritäten und Ideologien gegenüber und verweigert sich dem Infantilismus, der in Massenwahn und Selbstzerstörung mündet; Oskar zeigt dabei auch asoziales Verhalten, Unfähigkeit zur Kommunikation, Zynismus und die Verleugnung von Wertmaßstäben; hierin liegt ein erklärungsbedürftiger Zwiespalt; in einem Interview 1970 sagt Grass, dass alle Ich-Erzähler der Danziger Trilogie aus Schuld heraus erzählen; obwohl Oskar ein Kind ist, spielt Schuld für ihn eine große Rolle; von Bebra wird Oskar des vierfachen Mordes beschuldigt, von Vittlar werden noch zwei weitere Opfer ergänzt; dieser "ironisierten Schuld" (Grass) steht am Ende des Romans noch eine weitere Form von Schuld gegenüber: die schwarze Köchin; diese ist für Oskar die Furcht vor Schuld; welcher Art die Schuld ist, wird vom Erzähler bewusst verschwiegen; konkret begegnet die Schwarze Köchin Oskar in Gestalt der Luzie Rennwand; sie fordert Oskar zum "Sprung" aus seiner Dreijährigkeit auf; Oskar weigert sich, lebt aber noch in der Heil- und Pflegeanstalt in Angst vor Luzie Rennwand / der schwarzen Köchin; die Röcke der Großmutter stellen das Gegenteil der Schwarzen Köchin da; die Mutter ist psychoanalytisch gesehen (vgl. Hans Loewald) schützend und bedrohlich zugleich; Aggression und Regression treffen zusammen, u.a. in der Figur Luzie Rennwands, die zugleich Krankenschwester und Schwarze Köchin ist; auch Maria verkörpert dieses Doppelverhältnis; vom "einerseits-andererseits" ist die gesamte Struktur des Romans bestimmt und auch die anti-ideologische Haltung des Buches.


Urtitel:
Günter Grass: Die Blechtrommel - Versuch einer psychoanalytischen Deutung. (alter Titel: Wer ist die schwarze Köchin?)
Anfang/Ende:
In einem Zeitungsartikel…ändert die Welt.
Genre/Inhalt:
Literaturkritik
Schlagworte:

Person:
Freud, SiegmundGND; Loewald, HansGND; Reich, WilhelmGND
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
21.12.1983
Datum Erstsendung:
05.01.1984
Aufnahmeort:
Hannover
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Analog/Digital:
reformatted digital
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
NDR: Hannover
Sendereihe:
Bibliothek
Archivnummer:
6908991 000 Tonträgerverweis W206868
Produktionsnummer:
0
Teilnehmende:

Person:
Müller-Dyes, KlausGND (Autor(in))
Person:
Müller-Dyes, KlausGND (Sprecher(in))
Person:
Haucke, GertGND (Sprecher(in))
Person:
Lindemann, Gisela (Redaktion)

Zitieren

Zitierform:

Müller-Dyes, Klaus: Günter Grass: Die Blechtrommel - Versuch einer psychoanalytischen Deutung. (alter Titel: Wer ist die schwarze Köchin?). Hannover .

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