Logo der Günter Grass Stiftung Bremen

Webdatenbank

Medienarchiv

„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 2248

Tagesthemen-Sonderbeitrag zu Grass' Gedicht "Was gesagt werden muss"(vollständiges Interview) : Günter Grass im Gespräch mit Tom Buhrow

Ausschnitte aus dem Gespräch: Frage: Ist Grass überrascht von den Reaktionen auf sein Gedicht? Grass: es sei damit zu rechnen gewesen, dass es zu einer Debatte kommt; Grass hat darauf sogar gehofft; nun erlebe er allerdings eine "fast gleichgeschaltete Presse", Gegenstimmen würden nicht vorkommen; er bekomme viele Emails von Leuten, die ihm zustimmen würden, doch dies dringe nicht an die Öffentlichkeit; man lasse sich nicht auf den Inhalt und die Fakten des Gedichts ein; es sei ein tabuisiertes Thema, dass Israel eine unkontrolliere Atommacht sei; Frage: Es gibt im Internet viel Beifall, aber auch viel Beifall aus der rechten Ecke. Hat Grass mit der Zustimmung von der falschen Seite gerechnet? Grass: hat keine Angst vor dem Beifall von der falschen Seite; wenn man darauf Rücksicht nähme, würde man sich selber einschränken; die Überschrift des Gedichtes gehe auf die Erfahrungen der eigenen Generation zurück; es gehöre zu den Verpflichtungen eines Intellektuellen und Schriftstellers, von seinem Recht Gebrauch zu machen und diese Themen anzusprechen; Frage: Der Gedichttitel erinnert an eine Einleitung am Stammtisch. Hat Grass diese Provokation bewusst gewählt auch im Hinblick darauf, dass Grass sich damit selbst schadet? Grass: Die Lieferung eines sechsten U-Bootes von Deutschland an Israel sei der Anstoß gewesen, zudem die Drohung Israels, einen Präventivschlag gegen den Iran durchzuführen; damit kündige Israel das diplomatische Verhalten auf; Frage: Was meint Grass mit "auslöschen"? Meint er den atomaren Erstschlag? Grass: Mit welchen Waffen Israel angreifen würde, sei ungewiss; auch herkömmliche Lang- oder Mittelstreckenraketen könnten, wenn sie Atomanlagen treffen würden, einen atomaren GAU verursachen; Frage: Macht Grass nicht das Volk Israels, das aus dem Holocaust hervorgegangen ist, zu einem Tätervolk? Grass: Wenn Israel eine Erstschlag durchführen und der Iran dann zurückschlagen würde, würde sich der Konflikt ausweiten in einer Region, die ohnehin instabil sei; Frage: Grass' Hauptthema scheint das Schweigen zu sein, das Wort "schweigen" verwendet er acht Mal im Gedicht, obwohl doch jeder sagen könne, was er wolle; Grass: Sobald man etwas sage, sei man dem Vorwurf des Antisemitismus ausgesetzt; Frage: Der deutsche Verteidigungsminister Thomas de Maizière hat zwei Wochen zuvor genau diese Kritik gegenüber seinem israelischen Amtskollegen geäußert; Grass: sein Gedicht unterstütze diese Kritik; das Gedicht sei auch ein Aufruf zur Unterstützung; Grass wünscht sich mehr Menschen, die aus Freundschaft zu und Sorge um Israel das Tabu des Schweigens brechen; Frage: Der Iran wird in dem Gedicht nur am Rande kritisiert, obwohl der Iran das Existenzrecht Israels leugnet und Israel bedroht; Grass: Die Kritik am Iran sei ungehemmt und völlig gerechtfertigt, sie werde überall geäußert; die Lügen und Drohungen des "Maulhelden" Ahmadinedschad seien bekannt; Grass will Dinge ansprechen, über die nicht oder zu wenig gesprochen wird; Frage: In der Region gibt es eine Vielzahl von Diktaturen und Israel als Demokratie; warum zielt Grass' Kritik so stark auf Israel? Grass: äußert sich zum ersten Mal in dieser Sache zu Israel, kritisiert aber auch Deutschland; man müsse erst "vor der eigenen Haustüre kehren"; Grass wünscht sich eine weniger gleichgeschaltete Presse und mehr journalistische Unabhängigkeit, dies sei für den Demokratie- und Freiheitsbegriff Deutschlands sehr dienlich; Frage: Zitat von Rosa Luxemburg "Die Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden" Grass: bestätigt.


Urtitel:
Tagesthemen F: 10474 vom 05.04.2012 (vollständiges Interview)
Anfang/Ende:
Herr Grass, also… So ist es. Danke.
Genre/Inhalt:
Politik
Historischer Kontext:

Drohender Atom-Konflikt zwischen Israel und Iran; Veröffentlichung des Gedichts "Was gesagt werden muss" von Günter Grass in der "Süddeutschen Zeitung", in der "New York Time" und in "La Republica".

Aufnahme:

Datum Erstsendung:
05.04.2012
Aufnahmeort:
Behlendorf
Sprachen:
deutsch
Original:

Analog/Digital:
born digital
Datenformat:
MPEG 4
Kopie:

Datenformat Sichtung:
MPEG 1
Datenformat Archiv:
AVI
Teilnehmende:

Person:
Buhrow, TomGND (Interviewpartner)
Person:
Grass, GünterGND (Sprecher(in))

Zitieren

Zitierform:

Tagesthemen F: 10474 vom 05.04.2012 (vollständiges Interview). Behlendorf .

Rechte

Nutzung und Vervielfältigung:
Alle Rechte vorbehalten

Export