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„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben.“
Günter Grass, Das Treffen in Telgte (1979)
DB-Nummer: 2327

Die monumentale Jahrhundertfigur Günter Grass : Hellmuth Karasek zum Tod von Günter Grass

Frage: Ist Grass überschätzt worden? Karasek: verneint; Grass habe mit einem provokativen Werk, der „Blechtrommel“, die Bühne der Literatur betreten; für den Roman habe Grass viel „Schelte“ und viel Lob bekommen, aber erst spät den Nobelpreis. Hinweis des Tagesschau-Sprechers, Karasek möge bitte beim Antworten in die Kamera schauen. Frage: Ist der Nobelpreis verdient, so spät nach Erscheinen der „Blechtrommel“? Karasek: Die Ursache liege bei den Nobelpreis-Komitees; Böll habe den Nobelpreis für „die Versöhnung Deutschlands mit der übrigen Welt“ bekommen; danach habe es lange keinen deutschen Preisträger gegeben; Grass habe selbst auch nicht mehr damit gerechnet, den Nobelpreis zu bekommen; das sei nicht zu spät gewesen, vgl. Thomas Mann; Frage: Hat Grass seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS so lange verschwiegen, um die Aussicht auf den Nobelpreis nicht zu verringern? Karasek: möglicherweise habe Grass dies unbewusst getan; angesichts der „Bitburg-Kontroverse“ seien die neuen Erkenntnisse über Grass besonders delikat; Frage: Grass ist politisch sehr aktiv gewesen, vor allem parteipolitisch - darf oder muss man dies als Schriftsteller sein? Karasek: Dies sei in Deutschland nach dem Krieg erforderlich gewesen; die Gruppe 47, deren „Wortführer“ Grass gewesen sei, habe sich immer politisch engagiert; Grass hat in Berlin gelebt und ist mit Willy Brandt und Karl Schiller befreundet gewesen; der Wahlkampf, den Grass gemacht habe, sei entscheidend gewesen, um die Einmischung der Schriftsteller in die Politik zu verdeutlichen; Frage: Grass’ Äußerungen im Jahr 2012, dass Israel und nicht Iran der Weltfrieden gefährde, hat einen Skandal ausgelöst... Karasek: die Empörung sei zu Recht aufgekommen; Israel sei ein winziges Land, das von der Abschreckung lebe; eine einzige Atombombe würde Israel vernichten; Israel sei in dauerhafter Bedrohung von einem „sehr kämpferischen Islam“ Frage: Ist es die Literatur, die von Grass bleiben wird? Karasek: Grass sei der „monumentalste deutsche Schriftsteller nach dem Zweiten Weltkrieg“; die „Blechtrommel“ und „Katz und Maus“ seien „gewaltige Werke über die Jugend im Nationalsozialismus“; ein Schriftsteller wie Grass dürfe sich in die Politik einmischen; Grass habe einstecken und austeilen können; der literarische Wert werde dadurch nicht berührt.


Urtitel:
Karasek: Grass musste sich einmischen
Anfang/Ende:
Guten Abend nach…Bewertung Herr Karasek (bricht ab)
Genre/Inhalt:
Biographie
Historischer Kontext:

Todestag von Günter Grass. Zur Bitburg-Kontroverse: Als Bitburg-Kontroverse wurde in den Medien die Diskussion benannt, die sich nach der von US-Präsident Ronald Reagan gemeinsam mit Bundeskanzler Helmut Kohl am 5. Mai 1985 vorgenommenen Kranzniederlegung an der Gedenkstätte des KZ Bergen-Belsen bei Celle und auf der Kriegsgräberstätte Bitburg-Kolmeshöhe in Bitburg entspann. Am Besuch in Bitburg entzündete sich in der Öffentlichkeit eine Debatte, da in Bitburg neben deutschen Wehrmachtsangehörigen auch Angehörige der Waffen-SS beerdigt sind. Günter Grass machte seine Ablehnung gegen den Besuch eines Bitburger Soldatenfriedhofs durch den damaligen Bundeskanzler Kohl und den amerikanischen Präsidenten Reagan deutlich. Er warf Helmut Kohl „Geschichtsklitterung“ vor und wandte sich gegen das Ausstellen von „Unschuldszeugnissen“. Seiner Meinung nach „spricht Unwissenheit … nicht frei. Sie ist selbst verschuldet, zumal die besagte Mehrheit wohl wusste, dass es Konzentrationslager gab… Kein selbstgefälliger Freispruch hebt dieses Wissen auf. Alle wussten, konnten wissen, hätten wissen müssen." Diese Kritik richtete sich im Jahr 2006 gegen ihn, als bekannt wurde, dass auch Grass selbst der Waffen-SS angehört hatte. So schrieb etwa Alfred Grosser: „Statt diejenigen zu unterstützen, die damals vor allem aus Ablehnung Ronald Reagans heraus Kohl vorwarfen, die SS rehabilitieren zu wollen, hätte Grass aufstehen sollen, um zu sagen: „Wenn ich getötet worden wäre, wäre mein Grab zwischen diesen hier gewesen."

Schlagworte:

Person:
Mann, ThomasGND; Kohl, HelmutGND; Brandt, WillyGND; Schiller, KarlGND; von Grimmelshausen, Hans Jacob Christoffel; Böll, HeinrichGND; ; ; Reagan, RonaldGND;
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
13.04.2015
Datum Erstsendung:
13.04.2015
Aufnahmeort:
Mainz(Schalte nach Hamburg)
Sprachen:
deutsch
Original:

Analog/Digital:
born digital
Datenformat:
MPEG 4
Kopie:

Datenformat Sichtung:
MPEG 1
Datenformat Archiv:
AVI
Herkunft:

Sender / Institution:
Zweites Deutsches Fernsehen (ZDF)
Sendereihe:
heute Journal
Teilnehmende:

Person:
Karasek, HellmuthGND (Sprecher(in))
Person:
Kleber, KlausGND (Interviewpartner)
Anmerkung:
s.a.: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2382756/Karasek-Grass-musste-sich-einmische

Zitieren

Zitierform:

Karasek: Grass musste sich einmischen. Mainz(Schalte nach Hamburg) .

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